Newroz werden: Sich an Zekiye und Rahşan erinnern

Als ein Tag der Rebellion und des Widerstands hat Newroz eine wichtige Bedeutung für die kurdische Freiheitsbewegung. Beginnend mit der Newroz-Selbstaufopferungsaktion des PKK-Mitbegründers Mazlum Dogan wird der Gefallenen des Newroz-Tages jedes Jahr gedacht, wenn kurdische Revolutionäre am 21. März das Feuer der Wiedergeburt und Revolution entzünden.

Darunter sind Zekiye Alkan und Rahşan Demirel, zwei kurdische Frauen, die sich selbst angezündet haben, um gegen den Kolonialherrenkrieg in Kurdistan zu protestieren. Die folgenden Texte über das Leben dieser Frauen, die durch den Kampf einen Sinn im Leben fanden, wurden von Mitgliedern der Kurdischen Studentinnenvereinigung JXK im Jahr 2016 verfasst.

Zekiye Alkan – „Newroz wird mit dem Newroz-Feuer gefeiert“

Zekiye Alkan kam 1970 in Kurdistan zur Welt. In Amed studierte sie an der Dîcle Universität Medizin, wo auch ihr Interesse an der kurdischen Freiheitsbewegung geweckt wurde. Die 90iger Jahre waren sowohl in Kurdistan als auch in der Türkei von der Assimilations- und Vernichtungspolitik des türkischen Staates geprägt. Die kurdische Identität, sowie der Widerstand wurde mit allen Mitteln niedergeschlagen. Viele Menschen wurden vom Staat ermordet, andere wiederum in Untersuchungshaften verschwunden. Inmitten dieser Realität verbrannte Zekiye Alkan am 21. März 1990 in Amed an den historischen Mauern aus Protest gegen die Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik ihren Körper. Ihr Protest sollte eine Antwort auf den Frauenwiderstand sein, der sich in den 90iger Jahren in Kurdistan sehr stark verbreitete.

Freunde von Zekiye beschreiben sie als eine sehr rebellische Person und das in allen Bereichen ihres Lebens. Sie befand sich immer wieder auf der Suche nach neuen Sachen. Zekiye war sehr rebellisch. Die Aufstände in Nisêbîn hatten sie sehr geprägt und ihren Widerstandsgeist geweckt.

„Zekiye hatte gegen das bestehende System und den Unterdrückungen immer eine reaktive Haltung. Auch an der Uni war sie so. Sie war anders als die anderen Frauen. Sie war sehr lebensfroh. Sie war nicht sowie die Menschen um uns. Sie passte nicht in das typische Bild der Kurden, in das typische Bild der kurdischen Frau, naiv und zurückhaltend. Immer leistete sie Widerstand gegen das System. Sie war eine freie Frau. Zum System hatte sie keine Verbindung, sondern immer eine reaktive Haltung. Nicht mal ihre täglichen Verhalten passten dazu. Ihre Aktion passte zu ihr.

So wird Newroz gefeiert“

Nach ihrer Aktion im Krankenhaus sagte sie ihren Freunden: „Newroz wird so gefeiert. Das Newroz-Feuer wird so angezündet. Zekiye Alkan hat mit ihrer Aktion den Widerstandswind von Mazlum Dogan, Ferhat Kurtay, Esref Aynik und den anderen Freunden weitergetragen. Sie wollte für alle unterdrückten Frauen in Kurdistan eine Antwort werden und ihnen Hoffnung für ihren Widerstand geben. Denn es war der Anfang einer Frauenbewegung, die in dieser Revolution die Vorreiterrolle spielen sollten. Ihre Aktion hat gezeigt, dass sie als eine kurdische Frau die Haltung der kurdischen Frau und ihre Ideologie am stärksten begriffen hatte. Als sie damals ihr Körper in Brand setzte, war ihr Name als eine Frau verboten, heute tragen Millionen Frauen den Widerstandsgeist von ihr in sich und tragen ihre Revolution an die vorderste Front.

Rahşan Demirel – Die Frau, die zum Newroz-Feuer wurde

Rahşan Demirel kam am 15. August 1975 in Nisêbîn (Mêrdîn) auf die Welt. Aufgrund der Repressionen seitens des türkischen Staates zog ihre Familie wie auch viele andere kurdische Familien zu dieses Zeiten, als sie ein Jahr alt war, nach Izmir um. Rahşan fühlte sich ihrer Heimat Kurdistan trotzdem immer sehr verbunden und verstand früh, was für einen Krieg der türkische Staat gegen die kurdische Identität und Sprache führte. Erzählungen über sie sagen, dass sie als Kind immer in den kurdischen Farben, gelb-rot-grün, gekleidet sein wollte. Als sie einmal in diesen Farben in der Schule erschien, wurde sie dafür von einem ihrer Lehrer bestraft und geschlagen. Diese Farben jedoch bedeuteten für Rahşan Freiheit. Für sie symbolisierten sie ihre Heimat Nisêbîn, ihre Existenz und ihre Identität.

Die Wut über die Unterdrückung und Leugnung des kurdischen Volkes, welche Rahşan schon im Kindesalter empfand, teilte sie ihrer Mutter mit folgenden Worten mit: „Siehst du es nicht, Mama? Jeden Tag werden Dörfer verbrannt. Unsere Menschen werden ermordet. Wir dürfen nicht in unserem eigenen Land leben. Wir dürfen weder unsere Muttersprache sprechen noch unsere Kultur leben. Ich bin stolz darauf, gegen diese Leugnung Widerstand zu leisten.“ Die Aufstände in Cizîr, Nisêbîn und Silopî im Jahr 1992 haben Rahşan sehr mitgerissen. Der damalige Innenminister Ismet Sezgin gab zu dieser Zeit, ein Tag vor Newroz bekannt, dass jegliche Newroz-Feierlichkeiten verboten seien. Dennoch feierte man am 21. März in den Straßen Kurdistans das Newroz-Fest. Der türkische Staat antwortete darauf mit der Ermordung mehrerer Dutzend Menschen. Weitere Hunderte wurden an diesem Tag verletzt.

Am Morgen danach, dem 22. März 1992, hinterließ Rahşan Demirel, die am Abend zuvor die Gefechte mitverfolgte, auf einem Stück Karton eine Notiz: „Heute in Kadifekale werde ich zu Newroz. Ich muss auf Cizîr, Mêrdîn und Nisêbîn antworten. Tretet für mich ein. Ich werde Ismet Sezgin zu verstehen geben, dass Newroz gefeiert wird. Wir werden Newroz mit unserem Leben feiern!“ Das sind ihre Worte gewesen, bevor sie ihren Körper in Kadifekale im Alter von 17 Jahren verbrannte… Ihre Mutter erzählt von ihren Gedanken an jenem Morgen, nachdem sie die Notiz ihrer Tochter entdeckte: „Meine Knie wurden weich. Ich suchte Rückhalt an dem mir nah liegendem Baum. Ohne lange zu überlegen habe ich akzeptiert: ‘Meine Tochter hat so eine Entscheidung getroffen und sich dem Volk geopfert. Nun liegt es an uns, für ihr Andenken Verantwortung zu übernehmen’. Ich ging zu meiner Tochter. und rief meine erste Parole. Nun lag es an uns. Die ganze Welt hatte Rahşan erhört. Aus Angst vor Rahşans Widerstand wollten Sicherheitskräfte sie begraben, ohne dass es jemand mitbekam. Die Polizei wollte sie für die Autopsie mitnehmen und ins Krankenhaus bringen um sie dort zu vernichten. Ich habe es nicht zugelassen. „Wenn ihr sie mitnimmt, verbrenne ich mich auch“, sagte ich. Gemeinsam mit Tausenden Menschen haben wir den Leichnam von meiner Tochter, Rahşan mitgenommen. Wir brachten sie in die Moschee von Kadifekale, und dann nach Nisêbîn. „Meine Tochter war verliebt in das Land, in dem sie geboren war.“ Rahşans Geschichte ist ein Symbol für den Widerstand gegen die Leugnung und Assimilation der kurdischen Identität. Rahşan ist die Revolution in rot-gelb-grünen Farben, die Frau, die zum Newroz-Feuer wurde…