Der Kampf gegen das System in uns selbst: Kritik und Selbstkritik

Viele Menschen interessieren sich für das System der Kritik und Selbstkritik und Methoden der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb der kurdischen Befreiungsbewegung. Die Bildung der Bewegung ist nicht nur ein Weg der Wissensanhäufung, sondern auch eine Praxis der Befreiung von Persönlichkeiten, die durch das herrschende System der kapitalistischen, patriarchalischen Gesellschaft geprägt und geformt wurden. Da Freiheit nur in einer befreiten Gemeinschaft möglich ist, müssen freie Individuen entwickelt werden, um den Kampf anzuführen. Revolutionen können nicht von Menschen angeführt werden, die sich auf traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit beschränken. Im Folgenden veröffentlichen wir ein Interview aus dem Buch “Widerstand und gelebte Utopien -Frauen-Guerilla, Frauenbefreiung und demokratischer Konföderalismus in Kurdistan” von 2012.

Das in deutscher Sprache verfasste Buch basiert auf zahlreichen Interviews, die 2010 mit Kämpferinnen und anderen aktiven Frauen in der kurdischen Frauenbewegung geführt wurden. Sie spiegeln die Hoffnungen und Sorgen der Interviewten zu einer Zeit wider, als die kurdische Bewegung zwischen dem Aufbau einer alternativen Gesellschaft und dem Widerstand gegen die Versuche des türkischen Staates und seiner Verbündeten, sie auszurotten, gefangen war. Verschiedene Frauen aus Westeuropa führten diese Interviews während Reisen nach Südkurdistan. Einige besuchten das Flüchtlingslager Mexmûr und südkurdische Städte. Andere reisten in die Region Qandil oder in die von der Guerilla gehaltenen Medya-Verteidigungsgebiete. Das Buch wurde vor der Revolution von Rojava veröffentlicht. Seither wurden diese Konzepte und Methoden parallel zu den Bemühungen um die Schaffung einer demokratischen, ökologischen und frauenbefreiungsorientierten Gesellschaft weiterentwickelt.

PAJK ist die Kurdistan Women’s Liberation Party, die autonome Frauenpartei der kurdischen Freiheitsbewegung. KJB, der Hohe Frauenrat, war die ehemalige Dachorganisation der kurdischen Frauenbewegung. Im Jahr 2014 wurde er aufgelöst, als die Gemeinschaften der Frauen in Kurdistan (KJK) als Dachorganisation für die Errichtung eines autonomen demokratischen konföderalen Frauensystems gegründet wurde.

 

Persönlichkeitsentwicklung – Tekmîl, Versammlungen, Plattformen und das System von Kritik und Selbstkritik

Einerseits gibt es ein System, das auf freiheitlichen Werten aufgebaut ist und das eine Freiheitsperspektive darstellt. Auf der anderen Seite gibt es die Perspektive des Staates, die auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht. Wir befinden uns erst einmal dazwischen.“

Die Auseinandersetzung um die Persönlichkeitsentwicklung wird als Prozess verstanden, der innerhalb des Kampfes stattfindet. In der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen des Realsozialismus wurde immer wieder die Persönlichkeitsfrage diskutiert. Denn im Verlauf dieser Revolutionen war zwar versucht worden, ein neues System aufzubauen, aber es wurde zu wenig hinterfragt, inwiefern eine Revolution nicht nur ein Umsturz ist, sondern sich auch in der Persönlichkeit der Menschen abspielt oder nicht, sagte Hevala Çiçek. Es geht darum, Herrschaftsmechanismen, z. B. in der Sozialisation von Frauen, in bestimmten Klasseneigenschaften und Herangehensweisen als patriarchale Einstellung von Männern zu hinterfragen und zu begreifen. Gegen das Herrschaftssystem und die Auswirkungen dieses Systems in einem kollektiven Prozess anzukämpfen, wird als Bestandteil des Lebens und des Kampfes verstanden.

Für diesen kollektiven Prozess gibt es mehrere Strukturen. Tekmîls sind kurze Versammlungen, die meist täglich stattfinden, auf denen Schwierigkeiten im Alltag oder Kritik und Selbstkritik bezüglich einer unmittelbaren Situation zur Sprache gebracht werden. Es gibt periodische Versammlungen, ca. alle ein bis sechs Monate, auf denen Themen tiefer gehend besprochen werden. Eine weitere Struktur bilden die Plattformen bei Kongressen oder nach Bildungseinheiten, auf denen jedeR FreundIn vor der Versammlung einzeln ihren oder seinen Bericht verliest, in dem jedeR sich selbst analysiert und selbstkritisch reflektiert – über die Bewertung und Ausführung der Arbeiten und der Verantwortung, die eineR übernommen hatte, was vom Unterricht verstanden wurde,wo es Entwicklungen oder Stillstand gegeben hat, über die Bewertung konkreter Fehler im Alltag und im Kampf, das Verhältnis zur Geschlechterfrage und inwiefern sie oder er bestimmte Eigenschaften des Systems verinnerlicht hat oder praktiziert. Dies wird durch die Kritik und die Meinung der anderen anwesenden FreundInnen ergänzt. Kritisiert wird nicht die jeweilige Person als Individuum, sondern Eigenschaften und Verhalten konkret. Diese Strukturen ermöglichen auch allen KämpferInnen, ein falsches Verständnis und Fehlver halten von KommandantInnen zu kritisieren und notfalls deren Ablösung zu fordern.

Wie laufen die Auseinandersetzungen um die Persönlichkeitsentwicklung?

Junge Kämpferinnen einer Einheit in den Medya-Verteidigungsgebieten erzählen in einem Gespräch:

Es ist nicht so, dass eine kommt und sagt, jetzt analysieren wir mal deine Persönlichkeit. Das ist ein Prozess, der innerhalb des Kampfes stattfindet und

bedeutet, sich selbst und das eigene Leben reflektieren zu können und sich gegenseitig dabei behilflich zu sein. Insbesondere Frauen, die in der Gesellschaft aufwachsen, werden schon in jungen Jahren als Mädchen auf eine bestimmte Rolle vorbereitet. Da spielt das Essen, das ihnen gegeben wird, genauso wie die Kleidung usw. eine Rolle, also wie die Sozialisierungsprozesse unter den Bedingungen der herrschenden Gesellschaft ablaufen. Das hat auch immer wieder Auswirkungen auf das Verhalten von FreundInnen [hier in der Guerilla]. Das beeinflusst, was sie mögen, was sie nicht mögen usw. Wir versuchen, uns all dieser Details bewusst zu sein, warum wir etwas mögen und warum nicht, was dahintersteckt. Allein schon welche Tiere oder welche Pflanzen eineR mag, spiegelt Kriterien wider, wie ein Mensch sozialisiert wurde. Gerade in der Praxis treten viele Eigenschaften zutage. Es zeigt sich in dem, wie sich welche beteiligen oder welche Arbeiten sie gern machen. Dann versuchen wir, den Widerspruch zu diskutieren, uns bewusst zu machen, was Elemente unserer Sozialisation sind, die uns darauf vorbereiten soll, innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft zu leben. Was sind klassische Fraueneigenschaften, die uns anerzogen werden sollen? Und was sind Eigenschaften, die wir uns im Leben als freie Frauen vorstellen? In dem Kontrast versuchen wir, das zu Anfang langsam anzugehen. Später gehen wir dann mehr ins Detail und versuchen, das miteinander zu diskutieren, zu lösen und auch weiterzuentwickeln. Insgesamt ist es wichtig, im Geschlechterkampf nicht die Unterscheidung zwischen einem „guten Mann“ und einem „schlechten Mann“ zu machen, denn Mann ist Mann. Alle haben von der patriarchalen Einstellung ihren Teil abbekommen. Es ist wichtig, das Patriarchat als Teil des Systems zu verstehen, gegen das wir kämpfen. Es kann nicht auf einen persönlichen Konflikt reduziert werden. Sondern das Herrschaftssystem und die Herrschaftsmechanismen an sich müssen infrage gestellt werden. Erst mal ist es so, dass alle Freundinnen und Freunde, die sich der Bewegung anschließen, die Analysen und Prinzipien Abdullah Öcalans akzeptieren. An dem Punkt ist es insbesondere bei jungen Freunden notwendig, dass eine wirkliche Auseinandersetzung stattfindet. Gerade in den Prinzipien des Geschlechterkampfes stecken wichtige Argumente oder Analysen, die Männer noch nicht verinnerlicht haben. An dem Punkt gibt es häufig oberflächliche Herangehensweisen. Sie meinen: „Ich bin kein Macho, ich bin kein Herrscher.“ Deshalb versuchen wir, durch unseren Geschlechterkampf begreiflich zu machen, inwiefern das System sehr wohl die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden beeinflusst hat. An diesem Punkt geht unser Kampf immer noch weiter.

Es geht darum, das nicht an künstlichen Widersprüchen festzumachen. Es geht uns nicht um Kleinigkeiten, sondern darum, mehr begreiflich zu machen, inwiefern Herrschaftsmechanismen reproduziert werden. Dagegen anzukämpfen muss auch als Bestandteil unseres Lebens und des Kampfes wahrgenommen werden. Es gibt trotzdem noch Schwierigkeiten, sowohl dabei, die richtige Methodik zu finden, als auch dabei, einen kollektiven Prozess zu organisieren, in dem sozusagen die Männerherrschaft in den Köpfen gebrochen wird. Das ist noch ein ganz weiter Weg.

Kritik und Selbstkritik – damit wir uns von dem System, in dem wir sozialisiert wurden, befreien können

So sehr es uns gelingt, uns selbstkritisch zu hinterfragen und das System in der eigenen Persönlichkeit zu analysieren, so sehr gelingt es uns dann auch, andere Freundinnen und Freunde zu kritisieren, wenn sie die Eigenschaften des Systems reproduzieren.“ Hevala Narîn, 2010

Hevala Narîn in einem Gespräch:

Kritik und Selbstkritik oder die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeitsfrage sind wichtige Elemente, damit wir uns von dem System, in dem wir sozialisiert wurden, befreien können. Denn das System hat sich in all unsere Denkweisen, Verhaltensweisen eingeschlichen. Deshalb spielen Kritik und Selbstkritik eine überaus zentrale Rolle. Wir sehen das als eine umfassende Herangehensweise, uns von diesem System loszusagen. Nur dann ist auch ein ganzheitlicher Neuaufbau möglich, nur so können wir eine neue Mentalität schaffen. Wenn ein Mensch in den Bahnen des Systems denkt, dienen oft auch die Handlungen dieses Menschen dem System. Wenn wir uns nicht außerhalb dieses Systems neu erschaffen, befinden wir uns nicht wirklich in Gegnerschaft zu ihm und können nicht erfolgreich dagegen kämpfen. Wenn wir uns einer revolutionären Bewegung anschließen, dann kommen wir zunächst mit all den Eigenschaften, die uns vom System eingetrichtert wurden, in diese Bewegung. Natürlich gibt es in uns auch einiges, aufgrund dessen wir einen solchen Entschluss fassen, uns anzuschließen. Es gibt bestimmte Seiten des Systems, die wir ablehnen, oder wir sind auf der Suche nach Menschlichkeit, oder wir wollen etwas für unser Volk tun – das sind alles Gründe, die für uns eine Rolle gespielt haben. Aber nur sehr wenige von uns haben das System komplett analysiert und abgelehnt. JedeR Einzelne von uns ist eigentlich ein eigenes System, eine Persönlichkeit. Damit wir einen freien Willen schaffen und frei denken können, ist es notwendig, dass wir begreifen, wie das System arbeitet. Und wir müssen uns selbst verstehen. Je intensiver wir uns damit auseinandersetzen, was die Befreiungsideologie ist, desto mehr gelingt es uns auch, das System abzulehnen. Einerseits gibt es ein Modell, das auf freiheitlichen Werten aufgebaut ist und das eine Freiheitsperspektive darstellt, auf der anderen Seite die Perspektive des Staates, die auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht. Wir befinden uns erst einmal dazwischen. Die Waffe der Kritik und Selbstkritik setzt an diesem Punkt an. Also, es gibt einerseits das System, das du aufbauen willst, wofür du kämpfst, und andererseits das System, das dich in Gefangenschaft halten will. Damit wir etwas kritisieren können, müssen wir wissen, was falsch ist. Wir müssen verstehen, in welcher Hinsicht das System unsere Seele, unsere Gedanken besetzt hat. Darüber müssen wir uns im Klaren sein, damit wir wissen, wo wir mit unserer Kritik ansetzen können.

Selbstkritik bedeutet für uns, die Auswirkungen des Systems bei uns selbst bloßzustellen und dagegen anzukämpfen. Es ist erst einmal eine grundsätzliche Haltung für alle Militanten in der Bewegung. Insbesondere bei Frauen gewinnt das meistens noch mehr an Tiefe. So sehr es uns gelingt, uns selbstkritisch zu hinterfragen und das System in der eigenen Persönlichkeit zu analysieren, so sehr gelingt es uns dann auch, andere Freundinnen und Freunde zu kritisieren, wenn sie Eigenschaften des Systems reproduzieren.

Wir sehen uns als eine „Bewegung der Kritik und Selbstkritik“ und haben uns auf dieser Grundlage geformt. Wenn wir uns nicht selbst hinterfragen würden, würde es uns nicht gelingen, uns von Neuem zu konstituieren. Das ist nichts, was wir nur theoretisch kundtun, sondern das ist etwas, das im Alltag, im alltäglichen Leben seinen Ausdruck findet, z. B. in den Umgangsweisen untereinander, in unseren Beziehungen. Wir kritisieren das als Klasseneigenschaften; z. B. „das Verhalten ist kleinbürgerlich“, „diese Herangehensweise kommt aus dem Einfluss der kapitalistischen Moderne“, oder das ist „übertriebenes Dörflertum“ oder das sind „feudale Eigenschaften“. Wir kritisieren die Seiten des Systems, die sich in bestimmtem Verhalten und gewissen Herangehensweisen äußern. Wenn wir nicht diese Kritik und Selbstkritik untereinander üben würden, gäbe es keinen Unterschied zwischen uns und dem System. Als Bewegung beziehen wir uns auf diese Grundlage. Es geht nicht nur um Worte, sondern darum, in der eigenen Persönlichkeit das System zu verurteilen. Es ist ein sehr radikaler Ansatz. Es ist ein Kriterium und ein Prinzip, durch das sich die Militanten in der Bewegung selbst weiterbilden. Die Persönlichkeitsentwicklung der Militanten wird damit realisiert.

Auch Abdullah Öcalan hat in [Haft auf der Gefängnisinsel] Imralı bestimmte Praktiken der Bewegung selbstkritisch hinterfragt und seine eigene persönliche Rolle innerhalb des Ganzen geprüft. Dabei analysiert er, wie er aufgewachsen ist, wo die Wurzeln und Ursachen bestimmter Einstellungen liegen und wie sich das auf die Praxis ausgewirkt hat. Seine Stärke ist, dass er sich durch den Mechanismus von Selbstkritik und Kritik in seiner Person immer wieder selbst hinterfragt und das als Kraft zur Veränderung und Erneuerung nutzt. Es gelingt ihm dadurch auch, sich gegen Einflüsse von außen abzuschirmen, selbst unter den Bedingungen der Gefangenschaft. Auch für uns als Frauenbewegung ist es ein grundlegendes Prinzip, das wir in unserem Kampf gegen patriarchale herrschaftliche Einstellungen in der Guerilla anwenden. Kritik und Selbstkritik sind dabei für uns eine wichtige Kraftquelle.

Was habt Ihr strukturell geschaffen, um den Prozess der Selbstreflexion in der Guerilla kontinuierlich weiterzuentwickeln?

Es gibt ein System, das sich Tekmîl und Versammlung nennt. Das Tekmîl ist täglich oder alle zwei, drei Tage. Auf dieser kurzen Versammlung werden Dinge, die das alltägliche Leben betreffen, Schwierigkeiten im Alltag oder Kritik und Selbstkritik hinsichtlich einer unmittelbaren Situation zur Sprache gebracht. Außerdem gibt es Versammlungszyklen von einer Woche, einem Monat oder im größeren Zeitraum sechs Monaten. Auf den Versammlungen werden Themen auf eine tiefere Art und Weise besprochen, z. B. wie eine Freundin ihre Verantwortung wahrnimmt. Wenn z.B. eine Freundin meint, dass sich bei mir bestimmte Klasseneigenschaften wie kleinbürgerliche Herangehensweisen zeigen, oder wenn eine Freundin meint, ich würde in meine Arbeit andere Freundinnen nicht genügend mit einbeziehen, dann werden diese Dinge auf den Versammlungen kritisiert. Je nachdem, welche Verantwortung eine Freundin trägt, kann sie dafür kritisiert werden, dass sie dieser Verantwortung nicht gerecht wird, oder dass sie sich zu sehr auf die Kraft der Männer verlässt und ihre eigene Stärke nicht genügend entwickelt. Solche Sachen werden auf den periodischen Versammlungen in einem bestimmten Zeitraum hinterfragt und diskutiert. Ein weiteres Merkmal von Kritik und Selbstkritik ist, dass bei Kongressen oder nach Bildungseinheiten jede und jeder ihren oder seinen Bericht vorbereitet. Es wird ein Selbstkritikbericht geschrieben, in dem sich jedeR selbst analysiert und selbstkritisch reflektiert, inwiefern bestimmte Systemeigenschaften verinnerlicht oder praktiziert wurden. Denn solche Eigenschaften sind ein Hindernis dabei, die Ideologie im Alltag in die Praxis umzusetzen. Die Seiten, die eineR an sich selbst nicht sieht, die aber von der Umgebung wahrgenommen werden, werden dann von den anderen FreundInnen durch Kritik zur Sprache gebracht. Es gibt manches, was mensch nicht selbst bemerkt oder sich nicht so richtig eingestehen will. Wenn du nur allein versuchst, dich zu hinterfragen, dann ist das weniger effektiv, als wenn hundert andere Menschen ihre Meinung sagen. Das hilft dabei, die Eigenschaften des Systems besser überwinden zu können.

Sind diese Selbstkritikberichte Teil der Berichte, die die Kaderinnen alle 6 Monate an die PAJK schicken?

In den halbjährlichen Berichten geht es nicht vorrangig um das Thema Kritik und Selbstkritik. Darin können allgemeiner Vorschläge oder Meinungen zur Arbeit der Frauenbewegung insgesamt geäußert werden oder jede kann ihre eigene Arbeit bewerten oder Ansichten zur politischen Situation oder anderen Themen mitteilen. Dabei geht es mehr darum, insgesamt zur Situation der Kader, der Organisierung und der Arbeit einen Eindruck zu bekommen. Damit die Meinungen von möglichst vielen berücksichtigt werden. Selbstkritik wird mehr im Rahmen von Plattformen geübt. Jede Freundin liest dann vor der Versammlung einzeln ihren Bericht vor, der durch Kritik und die Meinung der anderen anwesenden Freundinnen ergänzt wird.

Sind das dann die Freundinnen aus denselben Einheiten, die Kritik äußern?

Sind das dann die Freundinnen aus denselben Einheiten, die Kritik äußern? Also generell ist es bei diesen Versammlungen so, dass es immer Freundinnen gibt, mit denen du gemeinsam in der Praxis warst und die dich sehr gut kennen, die können dich dann noch genauer bewerten. Aber insgesamt kennen sich doch alle ganz gut und bekommen einander mit, selbst wenn du nicht in derselben Einheit warst. Wenn du deinen Bericht vorliest, dann kann eine Freundin auch anhand des Berichtes sagen, ob das gegenüber der Ideologie stimmig ist oder nicht. Alle haben die Möglichkeit, ihre Meinung zu sagen. Aber die meisten Bewertungen kommen schon von den Freundinnen, mit denen du eine gemeinsame Praxis geteilt hast. Es gibt auch das Recht, sich gegen falsche Kritik zu verteidigen. Wenn eine Freundin denkt, dass eine Kritik überhaupt nicht angebracht ist, dann sagt sie das auch. Sie kann dann auch einfordern, dass die Kritikerin erklärt, wie die Kritik gemeint ist und in welchem Zusammenhang sie steht. Du hast auch das Recht zu sagen, gut, Du siehst das so, aber ich sehe das bei mir nicht. Aber generell ist es ein wichtiges Prinzip, dass du dich hinterfragst, wieso eine Freundin zu einer solchen Kritik kommt. Selbst wenn du sagst, das hat nichts mit mir zu tun, das sehe ich bei mir nicht. Anstatt das persönlich zu nehmen oder als eine persönliche Abneigung zu interpretieren, solltest du dann trotzdem überlegen, was einer Freundin den Anlass dazu gegeben hat, auf einer Versammlung diese Kritik zu äußern, und was dabei dein Anteil ist. Dieser Hinterfragungsprozess ist manchmal sehr tiefgehend. Gerade die Kritikpunkte, die einen Reflex auslösen, sie nicht zu akzeptieren, bewirken hinterher oft eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung darüber, was das mit einer selbst zu tun hat, dass eine andere Freundin eine so erlebt.

Sind die Kritisierten dann auf sich allein gestellt, damit umzugehen?

Wenn es harte Kritik oder Sachen gibt, mit denen eine nicht klarkommt, dann ist die gegenseitige Unterstützung sehr wichtig. Gerade Freundinnen fühlen sich dann häufig dafür verantwortlich, mit Freunden oder Freundinnen, mit denen sie zusammenarbeiten und die Probleme haben, die Kritikpunkte noch mal zu diskutieren, die Probleme begreiflicher zu machen und Lösungen zu finden. Also, es wird nicht nur verurteilt, sondern auch geguckt, wie daran gearbeitet werden kann; d. h. nach der Kritik noch einmal aufeinander zugehen, nachfragen, wenn eine sich zurückzieht, warum und wieso. Das ist schon eine grundsätzliche Verhaltensweise.

Kritik und Selbstkritik können ja auch in das Gegenteil dessen verwandelt werden, was erreicht werden soll, in ein Machtinstrument. Welche Wege gibt es, das zu verhindern?

Einerseits ist es so, dass gerade auf diesen Plattformen nicht nur eine Person anwesend ist, sondern dass die anderen, wenn etwas falsch läuft, auch die Initiative ergreifen und sagen, nein, das stimmt nicht das sehe ich nicht so. In solchen Situationen wird da auch interveniert. Wenn jemand das Gefühl hat, dass destruktiv vorgegangen wird oder mit schweren Beschuldigungen irgendwelche Komplotte geschmiedet werden, dann ist es häufig so, dass die Person für sich selbst eine Untersuchung einfordert. Sie sagt, dass die Anschuldigung nicht richtig ist, und verlangt, dass sie von einer unabhängigen Kommission untersucht werden soll. Das bleibt dann nicht nur auf die Plattform der anwesenden FreundInnen begrenzt. Ein solcher Vorschlag kann dann angenommen werden.

Was wird bei schweren Anschuldigungen gemacht? Welche Aufgaben gibt es da? Was führt zum Ausschluss? Und welche Strukturen gibt es dafür?

Wenn beispielsweise eine bei den YJA Star sehr individualistisch ist, alles durcheinanderbringt, das kollektive Leben gestört wird und daraus Gründe entstehen, wodurch Freundinnen fallen oder gefährdet werden, dann kann das zum Ausschluss führen. Wenn es solche Vorfälle gibt, wird eingeschritten. Je früher, umso besser. Dann ist es so, dass der Vorstand der Einheit einen Bericht verfasst, was an Fehlern und Schuld vorliegt. Die Betroffene kann dann dagegen ihren eigenen Bericht vorbereiten, in dem sie sich gegen Anschuldigungen verteidigt oder sich selbstkritisch damit auseinandersetzt. Dann gibt es eine Plattform in ihrer Einheit, zu der sich mindestens25–30 Freundinnen versammeln. Und die Einheit kommt dann mit der Freundin zu einer Entscheidung.

Häufig ist es so, dass beim ersten Mal eine Chance gegeben wird, wenn eine selbstkritische Auseinandersetzung stattfindet. Das bedeutet, dass sie sagt, das und das stimmt, da habe ich mich falsch verhalten, und sie muss versprechen, das nicht zu wiederholen. Im Wiederholungsfalle gibt es manchmal Sanktionen, d. h. dass sie mehr im Produktionsbereich arbeiten muss, für eine bestimmte Zeit die Küchenarbeit oder Logistikaufgaben [z.B. Versorgungsmaterialien von einem Ort zum anderen tragen oder Lager anlegen] übernehmen. Oder bei welchen, die mit Männern kollaboriert haben, ist es auch schon vorgekommen, dass die Einheit gesagt hat, zur Strafe soll sie sechs Monate lang nicht mit Männern reden. Oder wenn ein Mann sich falsch gegenüber Freundinnen verhalten hat, dann bestimmen wir kollektiv als Frauen, dass wir diesen Mann nicht mehr grüßen und mit ihm nicht mehr sprechen. Das sind Beschlüsse, die wir innerhalb der Frauenbewegung fassen. Das sind unsere autonomen Beschlüsse. Sanktionen in diesem Bereich können wir eigenständig beschließen. Uns steht es zu, Kommandantinnen und Kommandanten bis zu drei oder sechs Monaten aus der Verantwortung zu nehmen. Aber es gibt auch noch schwerere Strafen. Bei gravierenderen Vorfällen, wenn ein Fehler mehrere Male wiederholt wurde oder dazu führte, dass Freundinnen oder Freunde gefallen sind, dann können wir den Beschluss fassen, die Mitgliedschaft für ein Jahr einzufrieren. Aber das müssen wir dann an die PAJK weiterleiten.

Die Protokolle, Ergebnisse und Beschlüsse der Plattform, samt dem Bericht und den Einschätzungen des jeweiligen PAJK-Komitees, das die betreffende Freundin in der Praxis kennt, werden an die Zentrale der PAJK geschickt. Dort wird dann der endgültige Beschluss gefasst. Sie entscheiden, ob sie dem Beschluss der Plattform zustimmen oder nicht. Meistens wird die Einschätzung von vor Ort mit unterstützt, aber es gibt so noch einmal eine Kontrollinstanz, bei der auch Einsprüche eingereicht werden können. Wenn z. B. welche abgehauen und wiedergekommen sind, können sie ohne die Zustimmung der PAJK nicht wieder aufgenommen werden. Da wird zuerst eine Untersuchungskommission eingesetzt. Dann wird geschaut, warum, unter welchen Umständen diejenige abgehauen war und was die Gründe dafür sind, dass sie wieder zur Bewegung gekommen ist. Das muss genau untersucht werden, denn da können ja auch andere Sachen im Spiel sein. Dann schreiben wir einen Bericht darüber, wie wir die Situation derjenigen einschätzen. Und die PAJK-Koordination hat die Möglichkeit, noch von anderen Stellen Informationen einzuholen. So wird dann letztendlich der Beschluss gefasst, ob eine wieder zur Mitgliedschaft zugelassen wird oder nicht.

Aber auch diejenigen, die Anschuldigungen ausgesetzt sind, haben das Recht, ihre persönliche Meinung, Darstellung, Sichtweise an die PAJK oder den KJB zu schreiben und ihre eigene Position darzulegen. Wenn darüber herauskommt, dass eine lokale Leitung eine falsche Einschätzung der Situation getroffen hat, zu einem falschen Beschluss gekommen ist, dann kann sich die PAJK oder der KJB auch einmischen und von der jeweiligen Leitung Rechenschaft einfordern. Letztens wollte ein Vorstand von einer Freundin einen Selbstkritikbericht haben. Aber es stellte sich heraus, dass er in diesem Falle zu einem Fehlurteil gekommen war. Diese Freundin war grundlos beschuldigt worden. Sie hat dann ihren Bericht an den KJB geschickt. Dort wurde die Sache nochmals untersucht. Der KJB kam zu der Überzeugung, dass der lokale Vorstand eine falsche Herangehensweise gehabt hatte, und haben dann so etwas wie eine Wiedergutmachung verlangt. Wir haben dann von allen Mitgliedern dieser Leitung einen Selbstkritikbericht eingefordert, warum sie zu einem solchen Entschluss gekommen waren, ohne vorher eine Untersuchung durchzuführen und Informationen einzuholen, ohne den Sachverhalt vorher genauer zu klären.

Der Staat bedient sich ja auch Methoden wie Agenten einzuschleusen, was in der Konsequenz zu Verunsicherung und Misstrauen führt. Wie geht Ihr damit um, damit nicht ein kollektives Misstrauen entsteht?

Bei der Ausbildung der neuen Kämpferinnen und Kämpfer gibt es immer wieder mal welche, bei denen festgestellt wird, dass sie als AgentInnen eingeschleust wurden. Aber häufig kommt das auch ziemlich schnell heraus, weil unser Leben darauf abzielt, eine Veränderung [des Menschen] zu erreichen. Denn wenn wir sehen, dass jemand, anstatt sich kollektiv zu verhalten oder produktiv einzubringen, bewusst destruktiv vorgeht, dann wird dem nachgegangen. In solchen Fällen hat sich häufig gezeigt, dass da noch andere Kräfte im Spiel waren.

Aber es gibt auch wieder andere, die nach einem Monat, wenn sie das Leben und die FreundInnen hier kennengelernt haben, selbst ankommen und zugeben, dass der Staat sie geschickt hat.

Es hatte in den letzten zwei Jahren eine Gruppe gegeben, die eingeschleust worden war. Das ist festgestellt worden, weil eine Untersuchung eingeleitet wurde. Einer aus der Gruppe hatte das zugegeben. Der übte dann Selbstkritik und hat schließlich beschlossen, dass er sich der Bewegung anschließen will. Er ist dann auch aufgenommen worden und kämpft zurzeit im Zagros-Gebiet. Jetzt in der letzten Ausbildungsperiode an der Şehîd-Bêrîtan-Akademie war auch eine junge Frau, die vom Feind geschickt worden war. Sie hat das gestanden und dann selbst den Beschluss gefasst, sich anzuschließen. Viele von denen, die der Staat geschickt hat, bekommen hier die Widersprüche mit und begreifen, dass sie vom System betrogen wurden. Es gab auch welche, die haben wir rausgeschmissen und wieder nach Hause geschickt.Sie kamen aus armen Familien, die vom Feind mit Geld geködert und abhängig gemacht worden waren. Sie waren gar nicht in der Lage gewesen, sich zu wehren. Aber unser System entlarvt das, bringt die Wirklichkeit zutage. Das gilt nicht nur für AgentInnen, sondern auch für die Eigenschaften, die wir uns angewöhnt haben, die Klasseneigenschaften, die uns eingetrichtert wurden, all diese Sachen treten zutage. Wir haben Richtlinien darüber, was Vergehen sind, welche Gewichtung sie haben und was mögliche Strafen dafür sein können. Bei uns gibt es keine Todesstrafe, weil wir gegen die Todesstrafe sind. Die schwerste Strafe ist, aus der Organisation verstoßen zu werden, oder die Aberkennung der Mitgliedschaft in der ideologischen Partei, in der PAJK oder der PKK. Bei sehr schweren Vergehen können die Betreffenden auch gefangen genommen werden. Dann wird in dieser Phase in den Einzelheiten geklärt, was da passiert ist. AgentInnen werden nicht gleich rausgeschmissen, sondern gefangen genommen. Dann wird untersucht, wie sie gekommen sind und was da im Einzelnen alles mit dranhängt. Wir haben nicht die Bedingungen, Gefängnisse zu errichten, und es widerspricht unserer Ideologie, jemand über Jahre gefangen zu halten. Aber damit AgentInnen der Bevölkerung keinen Schaden zufügen können, haben wir z. B. einmal einen gefangen genommen, bei dem sich herausstellte, dass er Agent und in Frauenhandel und Prostitution involviert gewesen war. Wir haben seine Geständnisse alle auf Band aufgenommen und gefilmt. Die Aufnahmen haben wir dann in der Bevölkerung verteilt, damit er keinen Platz mehr finden kann, sich irgendwo einzunisten. Vor ein, zwei Jahren wurden z. B. auch Aussagen und Geständnisse von eingeschleusten AgentInnen im kurdischen Fernsehen ausgestrahlt, und als die Bevölkerung darüber informiert war, wurden sie weggeschickt.