Guerilla Tagebücher – Schritte Richtung Frauenarmee in Cîlo

Viyan Amara ist ein Freiheitskämpfer der PKK. Der folgende Text ist ein Auszug aus ihrem Tagebuch von 1997, in dem sie über die ersten Schritte zur Schaffung der autonomen Frauenarmee spricht.

Schritte Richtung Frauenarmee in Cîlo

Mein Name ist Viyan Amara, ich bin in Colemêrg (Hakkari) geboren und 1996 den Reihen der Guerilla beigetreten. Bis jetzt war ich schon in Kelareş, Zagros, Esendere, Şehîdan, Xakurkê, Zap, Xinêre, Qendîl und Mexmûr.

Nach der Operation in 1997 gingen wir mit zwei unabhängigen Tabûrs (Bataillon, ein Tabûr beinhaltet ca. 25-30 FreundInnen) ins Xedar-Tal. Von Beginn bis Ende des Jahres 1997 gab es durchweg Operationen und nach dem Winter sahen wir Bildungen. Aus diesen zwei Tabûrs sind sehr viele aufopferungsvolle Freundinnen hervorgetreten. Für die Armeewerdung der Frauen sind eben unsere Tabûrs im Xedar-Tal gesondert ausgebildet worden. Von der Parteiführung (ehemals benutzter Begriff für Rêber APO) sind wir sehr motiviert worden und veranstalteten nach der Bildung noch eine Konferenz, die unsere Moral in schwindlige Höhen trieb. Aus diesen Freundinnen wurde dann ein Taxim (10-15 FreundInnen) auserwählt, die ins Zagros-Gebirge nach Cîlo zogen. Die geographische Lage Zagros’ ist extrem schroff und bekannt für seine Unzugänglichkeit.

Die Arbeiten und das Leben, das wir in Cîlo führten, verlangte vor allem einen sinnerfüllten Lebensgeist, den wir auch alle an den Tag legten. Wer in Cîlo leben möchte, kann sich nicht auf seine Entspanntheit verlassen. Cîlo besitzt eine sehr harte und schroffe Geographie und richtet sich niemals nach dem Wunsch eines Menschen. Man ist immer gezwungen sich nach ihm zu richten und vorzubereiten. Ich habe eine persönliche Meinung zu Cîlo: Cîlo kann man nicht erklären, man muss ihn leben! Jene die niemals in Cîlo waren, werden sich ihn wie die Gebiete im Süden vorstellen, aber Cîlo ist, mit seinen historischen Widerständen des kurdischen Volkes, ein ganz eigenes Leben für sich. Man kann Cîlo als den Willen des kurdischen Volkes definieren.

Auch das regionale Volk verkörpert diese Eigenschaften in sich. Innerhalb der Berge Cîlos gibt es noch einige Orte, die besonders schwierig erscheinen. Wir zogen mit einem Taxim in ein Gebiet, das zuvor noch nie für die Guerilla eröffnet wurde und dessen Volk „Geliyê Dizê” (verstecktes Volk) genannt wird. Die Freunde versuchten schon früher oftmals in diesem Gebiet Fuß zu fassen, doch gab es immer Verluste zu beklagen. Dieser Ort innerhalb Cîlos ist auch eine Art Nabelpunkt. Auf der einen Seite Colemêrg, auf einer anderen Botan, wieder auf einer Seite Semedar und schließlich grenzt er auch an Kelareş. Es ist also ein sehr zentraler und strategischer Ort und es zogen schon viele Einheiten vor uns dorthin. Als einige Freunde zu Şehîds (Märtyrer) wurden, zogen sich die Freunde wieder zurück. Deshalb wurde das Gebiet für die Guerilla schwer zu betreten. Als eine der ersten Einheiten jedoch, zog die Gruppe um Ş. Mehmud Şirnax und führte eine Aktion auf das Dorf Aynûr durch, das unter Kontrolle der feindlichen Dorfschützer lag. Auch in dieser Aktion fiel ein Freund als Märtyrer, jedoch wurde dieses Dorf nach der Aktion befreit und für die Guerilla betretbar. Daher verkörpert jede Märtyrerin und jeder Märtyrer eine neue Auferstehung und Wiedergeburt für uns.

Da sich das Gebiet uns neu eröffnete sagten die männlichen Freunde: „Ob wir wohl schwächer werden, wenn die Freundinnen zu uns kommen?“ Als wir das erste Mal in die Region zogen, waren wir oft mit dieser Haltung konfrontiert. Doch tatsächlich war das Taxim, das aus dem Xedar-Tal auszog und alle Schwierigkeiten der Operationen überstand, eine Gruppe mit starken Werten der Hevaltî (Genossenschaftlichkeit) und Aufopferung. Es wurde nochmal eine Konferenz durchgeführt. Zum ersten Mal gab es eine so hohe Beteiligung. Über Telefon stellten wir eine Verbindung zur Parteiführung her. Die ideelle Kraft, die aus dieser Konferenz geschöpft wurde, war unvergleichlich.

Die zuvor eigentlich geschöpfte Kraft, wurde auf Grund von Unsicherheiten seitens der Freundinnen nicht vollends ausgeschöpft und äußerte sich auch in unserer Praxis. Selbst in den Einsatzgebieten entgegnete uns eine sehr kalte Annäherung. Oft wurde angezweifelt: „Ob sie wohl das Guerillaleben führen können? Ob sie uns Schwierigkeiten bereiten werden?“ Nachdem wir jedoch an ein, zwei Aktionen teilnahmen, sahen auch die männlichen Freunde unsere Einheit, Disziplin, Genossenschaft und Zusammenleben und änderten ihre Meinungen ganz von selbst. Auch Şehîd Mehmud hatte uns seine Bedenken zur Sprache gebracht. Doch später gab er zu: „Anfänglich hatte auch ich Bedenken, aber als ich die Haltung der Genossinnen sah, änderte sich meine Meinung schnell.“ Tatsächlich, war unser Taxim sehr stark und leistete überall vorbildliche Arbeit. Heute sind von diesem Taxim nur noch eine Freundin und ich übrig. Die anderen Freundinnen sind über die Jahre allesamt Şehîd gefallen. Einige Freundinnen sind wirklich auf heldenhafte Weise gefallen. Man wollte stets in ihrem Umfeld sein, und fühlte sich in ihrer Gegenwart immer kraftvoll und wohl. Diese Freundinnen waren echte Vorbilder.

Nach einigen Aktionen konnten wir uns allmählich unter die Geliyê Dizê mischen und uns dort organisieren. Wir bewegten uns ganz nach Guerilla-Art, blieben höchstens 2-3 Stunden in einem Unterschlupf, änderten morgens uns abends unsere Aufenthaltsorte und ließen keinerlei Spuren zurück. Wir waren gezwungen uns auf diese Weise zu verhalten und taten alles was uns möglich war, um uns militärisch gut vorzubereiten und keinen Fehler zu machen. Wir wollten auf keinen Fall Schwäche zeigen und verhindern, dass der Feind uns so einfach angreifen konnte. Auf dieser Seite gab es höchste Wachsamkeit. Alle FreundInnen fühlten sich gegenseitig Verantwortlich und spürten große Freude über das neueröffnete Gebiet. Es war die Gegend der Pinyanîş-Bande, die jede unserer Schwächen für einen Angriff ausgenutzt hätten. Die Pinyanîş waren wirklich brutal. Man sagt ja, dass manchmal Leute Verräter ihres eigenen Volkes werden, aber so nun wieder auch nicht. Die türkische Armee kann man noch verstehen, sie machten unsere Freunde zu Märtyrern und wir töteten ihre Soldaten. Wenigstens ist da ein historischer Widerspruch und eine Feindschaft. Dass jedoch ein Stamm aus deiner eigenen Bevölkerung so wird, ist etwas Unfassbares. Jedenfalls war dieser Stamm unmenschlich, in ihrem Kampf jedoch sehr clever.