Guerrillatagebücher – Liebe, Aktion und Aufopferungsbereitschaft: Heval Sebrî

Viyan Amara ist eine Freiheitskämpferin der PKK. Der uns vorliegende Text ist ein Ausschnitt aus ihrem Tagebuch von 1997. In dem zweiten Teil des Tagebuchauszuges beschreibt sie, auf welcher selbstlosen Art der Genosse Sebrî Meredo (Reşit Tokpınar) zum Märtyrer geworden ist. Es handelt sich dabei um die Geschehnisse während einer Operation des Feindes in Cîlo (Berg im Zagros Gebirge). Ganz klar ist, dass Heval Sebrî, den sie zuvor als „Feuer” bezeichnet, einen großen Platz in den Herzen der FreiheitskämpferInnen gegraben hat…

Ist Feuer Sebrî oder ist Sebrî das Feuer…?

Wir führten dort unsere Aktionen aus und bevor wir loszogen gab es immer eine kleine Feier. Jedes mal, wenn wir gingen, verabschiedeten wir uns als gäbe es kein Wiedersehen. Die Aktion, zu der wir aufbrachen, feierten wir wie eine uns selbst geschaffene Identität. Jede Aktion entfachte ein Feuer, um das wir voller Euphorie tanzten. In allen Einheiten, aber besonders bei uns, entwickelte sich das zu einer Tradition und Kultur. Jeder Tanz war wie ein Abschied, und jeder Abschied stand für eine Reinigung vom feindlichen Schmutz. Unsere Aktionen waren ausnahmslos furchtlose Angriffe, die normale Armee-Befehlshaber nicht wagen würden. Unser Kommandant Heval Mehmud jedoch war sehr erfinderisch und kreativ. Er konnte mit seiner Haltung nicht einfach nur eine Einheit, er konnte die gesamte Region führen. Sowohl im Leben, als auch in den Aktionen, Heval Mehmud nahm überall seinen Platz ein.

In dieser Einheit gab es auch den Genossen Sebrî Meredo (Reşit Tokpınar), wir kannten ihn als Sebrî Garzan. Heval Sebrî leitete früher mehrere Gebiete in Garzan und kam dann nach Zagros. Zur Zeit seiner Bildung akzeptierte Heval Sebrî zu erst seine Versetzung nach Zagros nicht und wollte in Garzan bleiben. Nachdem er jedoch sowohl vom Leben, dessen Schwierigkeiten, und auch von unserer Genossenschaft in Zagros erfuhr, beteiligte er sich wie ein Teil dieses Ortes und brachte sich ein. Er sagte oft: „Wenn es etwas gab, das meiner Identität noch fehlte, dann war es das Leben hier.” Dieser Freund war mit seiner Genossenschaft, seinem Leben und seinen Aktionen eine unschätzbare Bereicherung für unser Zusammenleben. Seine Bindung zu seinen Freunden war keine physische, sie war eine geistliche und ideologische, das konnte man immer in seinen Augen ablesen. Nach jeder Aktion fragte er nach dem Wohlbefinden jedes einzelnen Genossen. Er war kein emotionaler Mensch. Wann er jedoch sehr emotional wurde? Sobald er mit uns gemeinsam um das Feuer tanzte, dann zeigte er seine Emotionen deutlich. Dann fragten wir uns auch immer: Ist Sebrî das Feuer, oder ist das Feuer Sebrî? In diesen Momenten war er immer sehr aufgeregt.

Liebe, Aktion und Aufopferungsbereitschaft: Heval Sebrî

Nach einigen Tagen führten wir wieder eine Aktion durch und schlichen uns ins Dorf. Nachdem wir mit unserer Aktion begannen, Waffen und Lebensmittel der Dorfschützer zu stibitzen, fingen plötzlich sogar die Frauen und Kinder der Bande an, auf uns zu schießen. Das war ein ziemliches Durcheinander, doch wir konnten uns mit einem sehr erfolgreichen Ergebnis wieder in die Wälder zurückziehen. An diesem Tag gingen wir zu unserem Unterschlupf und alle Freunde reinigten ihre Waffen. Mein Gewehr war sehr alt und verrostet und machte deshalb bei Gefechten manchmal Probleme. Da kam Heval Sebrî und reichte mir eines der Gewehre, die wir von den Dorfschützern entnommen hatten. Es war eine sehr schöne und saubere Waffe, fast wie neu. Ich ging runter zur Quelle, um meine neue Waffe zu reinigen. Gerade, als ich mein Gewehr in alle Einzelteile zerlegt hatte, hörte ich ein Geräusch. Nach wenigen Augenblicken verstand ich, dass es die Stimmen des Feindes waren und die der herannahenden Hubschrauber.

Damals war die Taktik des Feindes wie folgt: Wenn sie einen Unterschlupf der Freunde ausmachten, fegten sie zuerst mit Helikoptern darüber und beschossen und bombardierten die Gegend. Danach ließen sie wieder per Helikopter ihre Soldaten auf den nahegelegenen Ebenen ab. Diesmal eröffneten sie jedoch nicht direkt das Feuer. Ich glaube, weil sie gar nicht wussten, dass wir uns hier befinden, da wir dem Dorf noch sehr nahe waren. Wir waren genau auf dem Abhang nahe der Quelle. Ich hatte keine Möglichkeit mehr meine Waffe zusammen zu bauen, sammelte die Einzelteile auf und lief los. Heval Mehmud, Heval Sebrî und unsere Taxim-Kommandantin entschieden, dass wir uns unbemerkt entfernen, ohne in Gefechte zu geraten. Wir waren dazu gezwungen, da die Tepecîs (Genossen auf den Gipfeln der Berge) keine Antwort an den Funkgeräten gaben und wir so nicht wussten, wie der Feind sich genau bewegt. Daher gab es die Wahrscheinlichkeit, dass wir Verluste erleiden könnten. Unser Ziel war immer: Erfolgreiche Aktionen und so wenig Verluste wie möglich. In diesem Moment planten Heval Mehmud und die anderen GenossInnen, dass wir unsere Stellung verlassen, uns nach oben bewegen und dort mit dem Feind zusammenstoßen sollten. So würden wir die Kontrolle über den Feind haben. Es war als könnten wir wieder klar sehen und denken. Die Helikopter verfolgten uns nun auch und versuchten uns ausfindig zu machen, um Soldaten in unserem Umkreis abzuseilen. Der Verantwortliche unserer Tepecîs war Genosse Seyfî. Heval Mehmud funkte ihn mehrmals an, um ihm zu sagen er solle den Feind unter Beschuss nehmen, bis wir uns entfernt hätten, doch unsere Funkrufe erreichten die Freunde nicht. Also entschlossen wir weiter zu marschieren. Kaum aufgebrochen fingen plötzlich Gefechte zwischen unseren Freunden auf den Gipfeln und dem Feind an. Da nun auch verstärkt Kobra-Helikopter kamen, hatten wir nicht viele Möglichkeiten uns mit einer so großen Anzahl ins Gefecht zu begeben. Alles was wir tun konnten, war mit einer kleinen Gruppe auf dem Hügel zu bleiben, die dann in Gefechte mit dem Feind treten kann, um Zeit zu gewinnen und sich mit den restlichen Freunden zurückzuziehen, um sich in Kampfposition zu bringen. Die kleine Gruppe von vier Freunden wurde natürlich von Heval Sebrî geführt.

Wir zogen mit der größeren Gruppe los und kamen recht bald an eine Quelle. Dieser Ort wurde auch Meydana genannt und war einfach nur eine flache Ebene, auf der es noch nicht mal kleinste Steine gab, nur Sand. Hier wurden auch die Soldaten abgesetzt und wir schafften es gerade noch die Ebene zu erreichen. Auch die Gruppe, die uns Zeit verschaffte, erreichte uns nach einiger Zeit. Wir trafen uns, sahen jedoch keine Möglichkeit wieder aus Meydana herauszukommen. Die Operationskoordination des Feindes war auf einem kleinen Hügel direkt vor uns positioniert, von dem wir jedoch nichts wussten. Heval Mehmud sagte: „Verteilt Euch!”, doch es gab keinen einzigen Felsbrocken, unter dem wir uns hätten verstecken können. Nur etwas Unkraut gab es vereinzelt, von dem nun Jeder etwas zusammenpflückte, um sich zu tarnen und es über sich zu werfen. Heval Mehmud jedoch nahm seine Waffe in die Hand und sagte: „Wenn hier auch nur einer von euch verletzt wird und „ay“ sagt werde ich denjenigen erschießen!” Er wusste, wenn wir auch nur minimal bewegten, würden wir alle dechiffriert werden und fallen. Unsere Situation war sehr ernst.

Die Operationskoordination gab unseren Standort an die Helikopterpiloten weiter, da sie uns ja von ihrem Hügel aus gesehen hatten. Die Piloten jedoch vermuteten überhaupt nicht, dass wir uns in Mitten der Ebene aufhalten würden und beschossen mehrmals wild das Umfeld der Quelle und flogen wieder davon. Zweimal wurde unser Umfeld von den Kobras beschossen, uns passierte jedoch überhaupt nichts. Auch unser Maulesel, der unser Gepäck trug, lag seelenruhig unter dem Unkraut, welches wir auf ihn geworfen hatten. Man konnte fast meinen er sei ein Mensch, so clever verhielt er sich. Er zuckte noch nicht einmal mit den Ohren. Als sich eine Mücke auf die Nase eines Freundes setzte, sagte er: „Ach Mücke flieg doch fort, wenn ich mich bewege wird der Feind uns sehen und uns umbringen.”

Es war eine sehr tragische Situation, die sich damals abspielte. Jetzt, wenn man an diese Zeit zurückdenkt, kommt es einem wie ein Witz vor. Es gab nichts was wir tun konnten, doch Heval Sebrî meinte: „Wir hauen jetzt hier ab!” Was sollten wir schon tun? Zwei Helikopter entleerten all ihr Arsenal über uns und zogen davon, da kamen schon zwei neue. Die Koordination lag direkt vor uns und unser Umfeld war voller Soldaten. Das Beste, was wir tun konnten, war uns mit dem Erdboden eins zu machen. Die zwei neuen Kobras kamen und die Koordinatoren funkten den Piloten: „Ich sage dir schieß dort hin! Wieso schießt du nicht dorthin, und fliegst stattdessen um die Quelle herum und beschießt dort nur ein Paar Steinchen?!” Dieses Mal senkten sich die Helikopter genau über uns herab, sodass wir ohne Probleme die Piloten sehen konnten. Sie waren uns so nah, dass sie uns unter dem Gestrüpp erkannten. Sie beschossen uns nur drei bis vier Mal mit ihren schweren Geschützen. Die Kugeln schlugen zwischen unseren Beinen und neben unseren Köpfen in den Sand ein. Als sie dann mit Raketen auf uns schossen, wurde dieser Sand, der uns zuvor ein sicheres Versteck verwehrte, zu unserer Rettung. Als die Raketenköpfe in den Sand einschlugen, konnten sich ihre Splitter nicht verteilen und blieben größtenteils im Sand stecken. Es kamen noch zwei weitere Kobras, sodass nun 4 Kampfhubschrauber über unseren Köpfen kreisten. Sie beschossen uns erneut, es war wie ein Bleiregen.

Heval Sebrî verstand wie kritisch die Situation ist, und rief: „Freunde, ich werde gehen. Ich werde ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken, sodass ihr hier rauskommt. Ich werde mich schon retten.” Da rief Heval Mehmud: „Ich bring dich um, das ist ein Befehl, keiner bewegt sich!” Heval Sebrî antworte: „Auch ich bin Kommandant und kann Befehle erteilen.” Da stand er plötzlich auf und uns allen lief es eiskalt über den Rücken. Da opferte sich ein einziger Freund, um 39 andere zu retten, denn wir waren insgesamt 40 GenossInnen. „Wir haben so viel Widerstand geleistet bisher und keinen einzigen Verlust erlitten, niemals zugelassen, dass auch nur ein einziger Freund Şehîd fällt!”, er nahm seine Waffe und lief los.

Vier Kobras verfolgten Heval Sebrî, konnten ihm jedoch nichts antun. Er wurde zu Feuer und Flamme und floh weiter. So verschaffte er uns die Möglichkeit, von hier heraus zu kommen. Wir flohen in einen etwas weitgelegeneren Unterschlupf. Währenddessen sahen wir auch wie Heval Sebrî rannte, und hofften, dass er sich in Sicherheit bringen könnte. Wir warteten noch einige Minuten zwischen den Felsen, wir hofften unseren Genossen vielleicht noch einmal zu erblicken. Doch Sebrî kam nicht.

Der Feind zog sich nun auch zurück, da es langsam dunkel wurde. Auch der Feind wusste, dass er zehnfache Verluste erleiden würde, wenn er sich der Guerilla nachts näherte. Heval Mehmud und drei weitere Freunde sagten: „Wir gehen nach Meydana.” Meydana lag mittlerweile gut eine Stunde von uns entfernt. Also gingen wir los und tatsächlich fanden wir Heval Sebrî auf dem Weg am Boden. Es waren mittlerweile schon gut zwei bis drei Stunden vergangen, doch es gab immer noch die Wahrscheinlichkeit, dass er lebte. Wir liefen zu ihm und hoben langsam seinen Kopf an, der aber nur schlaff in unseren Händen lag. Sie hatten sogar mit M-16 Gewehren auf unseren Genossen geschossen. Von seiner Brust bis zu seinen Füßen war alles voller Einschüsse. Auch an seinen Händen und am Kopf hatte er Schusswunden. „Heval, ihr seid gekommen”, flüsterte er. „Ja natürlich, wir sind gekommen, um dich zum Unterschlupf zu bringen”, antworteten wir. „Nein, ich habe auf euch gewartet, um euch mein Vermächtnis zu machen.” „Was für ein Vermächtnis? Los, steh auf, wir gehen! Du hast nichts.”, rief Heval Haki. „Heval Haki…” „Was?” „Komm, öffne meine Jacke und schau wie viele Kugeln in meiner Brust stecken”, wisperte Heval Sebrî. Wir sagten: „Brauchen wir nicht, es ist dunkel, wir sehen sowieso nichts.” “Acht”, er hatte schon vor uns gezählt. „Das macht nichts, wir tragen dich schon”, meinten wir, doch er sagte nur: „Jetzt geht schon Kinder.” Das sagte er, weil wir alle noch ziemlich jung waren und er machte einen Scherz. „Hebt mal meine linke Hand”, meinte er, und Heval Haki hob seinen Arm, doch sah keine Hand in dem Jackenärmel. Er hob auch Sebrîs Bein, doch der Genosse hatte auch ein Bein verloren. Er sagte, er habe nur auf uns gewartet, um seinen letzten Willen zu äußern: „Unterhalb der Ebene Meydana gibt es einen Ort, wie das Paradies. Dort gibt es alle erdenklichen Blumen und Pflanzen und ein kühler kleiner Bach fließt dort hindurch. Dort möchte ich von euch begraben werden.” Wir riefen: “Wieso sollten wir dich bestatten, wir gehen jetzt zu den Freunden, sie warten auf dich.” „Den Freunden geht es gut, nicht wahr?” „Ja, allen geht es gut.” „Ich bereue nichts. Ich habe alles was für diese Partei getan, was getan werden muss. Grüßt alle Freunde von mir. Sie sollen wegen mir nicht sauer sein.”

Nach einigen, wenigen Sekunden wurde er in unseren Armen zum Märtyrer. In all unserer Trauer und Wut trugen wir ihn zu dem Ort, den er beschrieben hatte. In der Dunkelheit dieser Nacht vergruben wir unseren Freund und Genossen.

Natürlich waren die GenossInnen betrübt. Doch sobald jemand von Liebe, Aktion und Opferbereitschaft sprach, erinnerte sich jeder an Şehîd Sebrî. Şehîd Sebrî der Held, ein Genosse, der sich selbst opferte, der sein eigenes Leben, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, für 39 weitere FreundInnen gab. Diejenigen, die ihn kannten sagten: „Er lebte auf diese Art und Weise und so wird auch weiterleben!“

Wir wollten einen Tag später noch einmal zu seinem Grab zurückkehren, um es zu befestigen und zu schmücken, aber dazu gab es leider keine Möglichkeit. Am nächsten Tag ging die Operation weiter und der Feind kam und nahm den Leichnam. Bis heute wissen wir nicht wo sie ihn hinbrachten. Das ist bis heute eine tiefe Wunde in meinem Herzen. Wir konnten ihm zwar seinen letzten Wunsch erfüllen, jedoch nicht auf Dauer.

Natürlich gibt es tausende Märtyrer ohne Grab. Daher steckt in jedem Stein, jedem Baum, jeder Blume und in jedem Bach der Geist der Märtyrer. Wenn wir uns an sie erinnern und sie gedenken wollen, sind sie überall. Suche gar nicht erst, verbeuge dich einfach, das reicht.

Viyan Amara