Aus Selma Doğans Tagebuch – Ein weiterer Neubeginn meines Lebens I

 

Die Guerillakämpferin Zinarin, deren Tagebuch wir von nun an auszugsweise veröffentlichen werden, hat ihr Tagebuch in Form von Briefen an ihre Freundin und Genossin Melsa geschrieben.

1. Februar 1997

Heftanin/Geliyê Pisaga

Meine liebe Freundin,

während ich ein verschneites Tal – ich weiß nicht, wie oft ich ausgerutscht bin – hinunterstieg, fühlte ich mich schwer, voller Sehnsucht und Emotionen. Meine Freunde waren nicht bei mir. Ich vermisste meine Freunde. Warum waren schon die ersten Sekunden, Stunden der Trennung und der Sehnsucht so schwer und schmerzhaft? Warum hatte ich einen Kloß im Hals und warum waren die Tränen in meinen Augen nahe daran zu fließen?

Neben mir meine Waffengefährten, deren Freundschaft und Genossenschaft noch nicht auf die Probe gestellt und noch nicht bewiesen waren. Sie waren fern. Wir hatten noch nicht gemeinsam geweint, noch nicht gemeinsam gelacht. Wir waren auch noch nicht gemeinsam im komplexen Labyrinth des Lebens verschwunden, und hatten uns anschließend noch nicht wieder auf dem richtigen Pfad getroffen. Diese Waffengefährten waren daher noch sehr weit entfernt von mir. Ich war wie ein Kind, das sich im Kanal des Lebenslabyrinthes verlaufen hatte und das fror. Auf meinem Rücken trug ich statt eines Rucksacks gute und schlechte Erinnerungen mit mir.

Während zwischen mir und meinen Freunden die Entfernung wuchs, wurden die Erinnerungen immer schwerer. Trennungen! Vor allem unsere, meine liebste Freundin, empfinde ich als erbarmungslos. Der Schmerz, dass man die Zurückgelassenen nie wieder sieht, ist wie ein Messerschnitt ins Herz. Ich mag die Trennungen nicht. Aber wer mag das schon…

Die Liebe legt bei Trennungen ihre wichtigste Prüfung ab. Die Liebe kann nur geschaffen werden, wenn man nicht vergisst, wenn man die Liebe mit Sehnsucht stärkt und mit der Kraft des Wartens auf das Wiedersehen das Herz vergrößert. Und der größte Wunsch ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Was für eine erbarmungslose Angst ist es, vergessen zu werden! Schenkt man sich deshalb etwas gegenseitig vor einer Trennung und sagt die vier chiffrierten Worte “Verliere es bloß nicht”, was eigentlich heißt “Vergiss mich bloß nicht”? Ja, meine Freunde, meine lieben Genossen und dich, meine liebe Freundin, werde ich natürlich nicht vergessen.

Ich habe Hunderte von Liebessamen in meinem Herz, jeden einzelnen muss ich wachsen lassen. 
Ich bin an einem paradiesischen Platz unseres Landes. Und zugleich an einem Punkt des Neubeginns der Zeit. Ein solch scharfer Übergang von einem Ende in einen Neubeginn wird sicherlich schmerzhaft sein. Aber mein Herz wird diesen Schmerz ertragen. Diese Trennung, mit der ich bis aufs Blut verfeindet bin, wird sich in eine milde Sehnsucht verwandeln, ich weiß es. Das muss so sein, denn ich will nicht die Menschen, die ich liebe, zum Grund für Erfolglosigkeiten machen. (Den Stift, mit dem ich schreibe, hat mir der Freund Serkan geschenkt. Der Stift ist aufgebraucht. Wenn du nur wüsstest, wie sehr mich sogar das traurig macht. Ich muss diese Emotionalität unbedingt überwinden.) Denn für mich ist Erfolg die einzige Bedingung, um euch wiederzusehen. Ich möchte nicht, dass Menschen es bereuen müssen, mich geliebt zu haben. Die Menschen, die mich lieben, sollten stolz darauf sein können. Die einzige Bedingung dazu ist der Erfolg in der Revolution. Dieses Versprechen habe ich allen Genossen gegeben und das ist der Grund, es umzusetzen.

Es gibt Aufgaben und schwere Tage, die auf mich warten. Vielleicht beginnt für mich alles von neuem. Der Krieg und der Kampf, im Kampf das Leben zu schöpfen. Die Lebenspraxis steht mir mit ihrer ganzen Komplexität und all ihren Schwierigkeiten gegenüber. Von mir wird nicht erwartet, dass ich wie eine verwirrte Ente hin und her tappe und die Flügel schlage. Das ist es auch nicht, was ich machen möchte.

In das vielschichtige Meer des Lebens zu springen, zu schwimmen und schwimmen zu lassen… Das muss ich machen, Melsa. Denn dafür habe ich historische, aktuelle und persönliche Gründe. Ich möchte voller Überzeugung kämpfen. Ich möchte mit dem Feind, mit den Rückständigkeiten, mit der Heimatlosigkeit, die mich von all den Menschen, die ich liebe, getrennt haben, mit dieser Unfreiheit und all den Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten kämpfen, ich möchte kämpfen. Vielleicht beleben diese Trennungen die rebellischen aufständischen Gefühle in mir. Ich möchte rebellieren. Warum sind wir gezwungen, uns zu trennen, warum wird die Liebe nur halbherzig gelebt, warum kann der Mensch nicht lieben, wie es sein Herz möchte?

Das ist der erbarmungslose Grund für eine Rebellion. Ich bin wütend auf die Realität. Und ich akzeptiere sie nicht. Ich werde kämpfen. Ich werde die Liebe einpflanzen und für ein würdiges Land kämpfen, in der wir nie mehr zur Trennung gezwungen werden.

Ich hätte mir am allermeisten gewünscht, dass du ebenfalls hier wärst und wir Schulter an Schulter gekämpft hätten. Aber weil die erbarmungslose Realität einen Teil von Dir genommen hat (Melsa ist durch den Krieg beidseitig fußamputiert, Anm.d.Ü.) und du deshalb nicht hier sein kannst und wir nicht ein einziges Mal zusammen die herrliche Luft dieses geheimnisvollen und mystischen Ortes einatmen werden, bin ich zornig und werde kämpfen.

Nur so kann ich die Gefühle, die mich ständig denken lassen: “Was wäre, wenn du kommen könntest”, beruhigen. Meine Gefühle sind verrückt und kaum zu bändigen. Ich bin fremd. Dass ich an einem unbekannten Ort alleine bin, hat für mich alles noch schwieriger gemacht. Ich verstehe aber auch, dass es ein Ausdruck des Vertrauens der Partei mir gegenüber ist, dass ich hier bin. Es gibt große Rückständigkeiten und Fehler. Der Partei gegenüber als ein weinendes und jammerndes Kind aufzutreten, ist ein Fehler. Es gibt sehr viel, was ich leisten muss. Melsa, hier sind es Kleinigkeiten, die Unterschiede ausmachen. Ein kleines Detail kann genauso zum Erfolg führen wie zum Verlust. Daher ist es unbedingt notwendig, dass ich eine organisierte Persönlichkeit werde.

2. Februar 1997

Der Krieg hat begonnen. Ich habe gestern an einer Gruppensitzung teilgenommen. Hier haben wir eine Clique aufgedeckt und die Anführer entlarvt. Die Beschuldigte ist eine intrigante Frau, die mit List versucht hat, die mangelhaften Methoden in der Herangehensweise eines unerfahrenen und harmlosen Gruppenkommandanten zu ihrer Aufstiegsleiter zu machen und ihn damit niederzumachen. Dabei hat sie unerfahrene, sehr junge Freunde gegen den Kommandanten aufgehetzt und es geschafft, ihn als ein Ungeheuer darzustellen. Sie ist in die Falle getreten, die sie selbst aufgestellt hat.

Nach einer langen wirkungsvollen Propaganda über Genossenschaft ist sie immer konkreter geworden. Mir schien von Anfang ihre Stimmlage und ihr Gesichtsausdruck nicht glaubhaft. Eine innere Stimme sagte mir: “Sie fühlt nicht das, was sie sagt”. Gegen Ende ihrer Rede hat die Beschuldigte ihren Trumpf offenbart und vorgeschlagen, dass der Kommandant von seiner Aufgabe entfernt werden und einen selbstkritischen Bericht schreiben sollte. Die klassische Frau kam wieder einmal mit ihrer ganzen ‚Originalität’ zum Vorschein. Zum Glück haben einige Personen gesprochen, auch wenn sie nicht ganz ihre eigenen Berechnungen bei Seite gelegt haben, soweit es auch ihren eigenen Interessen entsprach…

Ohne die beiden, – die Angeklagte und den betreffenden Kommandanten – zu sehr anzutasten, haben sie mit ihrer Kritik die Wahrheit berührt und somit konnte die Lage von uns eingeschätzt, verstanden und aufgedeckt werden. Wir sind eingeschritten. Die Schuld der Frau stand fest. Wir haben einen Bericht verlangt. Alle Freunde haben dem Vorschlag zugestimmt. Die Angeklagte war klug genug zu verstehen, dass weitere Bemühungen nutzlos waren. Sie schaute auf den Boden, sehr wütend, ehrgeizig und hinterlistig, wie ein Kommandant, der zwar verloren, aber seinen Trumpf noch nicht vollkommen aus der Hand gegeben hat. Sie schien nicht schnell aufzugeben. Aber ich war gelassen, ruhig und glücklich, weil ich wusste, dass sie den eisernen Willen der Partei mit ihren störenden Blicken nicht beeinflussen konnte, und dass die sich entwickelnde freie und aufrechte Frau sie mehr ängstigen wird als sie uns.

Gestern und heute habe ich versucht, Zusammenhänge instinktiv zu verstehen und zu bewerten. Man muss im Klassenkampf stark sein und aufrecht. Nur so kann man gewinnen. Um ernst genommen zu werden, muss man stark sein. Beherrscht, impulsiv, mutig zu sein und in der Praxis zu Lösungen beizutragen, ist zwingend. Wenn man versucht, den Klassenkampf aus kleinlichem Eigeninteresse und winzigen persönlichen Gründen zu führen, wird man Schaden erleiden und Schaden zufügen. Man muss im Kampf sehr aufrecht sein und Forderungen für die Allgemeinheit stellen. Nur so kann man gegen Rückständigkeiten mit Erfolg vorgehen. Ich bin mir sicher, anders ist es nicht möglich. 
Heute haben wir, die dich kennen, wieder einmal von dir gesprochen und uns unsere Bilder angeschaut. Das Bild, auf dem wir beiden unter einem Baum sitzen und jede einem im Herbst verblassten Blatt ähneln. Das war an einem Tag, an dem ich verwundet war und du dir deine ganze Zeit dafür genommen hast, mich zu trösten… Anschließend haben wir Freundschaftslieder gesungen. An dem Tag waren wir sehr schwermütig, weil die glückliche Zeit des Zusammenseins unserer Freundschaft zu Ende ging. Nietzsche sagt: “Erinnerung ist eine Wunde, die eitert.” Mir gefällt, was er sagt, immer mehr. Ich habe manchmal das Gefühl, dass er mich beschreibt.

4. Februar 1997

Wir sind bis zum halben Rücken eingeschneit. Und der Schnee fällt unvermindert weiter. Wenn dieses Wetter anhält, werden wir am Abend bis zum Hals im Schnee stecken. Weil die Einheit von unten nicht kommen konnte und ihre Zelte zugeschneit sind, haben wir heute keinen Unterricht machen können. Die Freunde sind Holz holen gegangen und wir haben die Zelte vom Schnee gesäubert. Wir leisten gegen den Winter, gegen die Kälte und gegen den Schnee, mit Plastikzelten Widerstand, was nicht sehr sinnvoll ist. Vielleicht war das vor zwei Jahren angemessen, aber jetzt… Heute könnten wir in gut ausgebauten Tunnels und Höhlen sein, aber wegen unserer Faulheit, Trägheit und Dummheit leben wir unter diesen Bedingungen. Ein wenig Schnee könnte dann unseren Lebensrhythmus nicht sabotieren. Bei den Freunden lässt die Bereitschaft nach, den Rhythmus auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen. Heute sind z.B. auf Grund des Schnees die Wachposten auf dem Hügel und die patrouillierende Streife ihren Aufgaben nicht nachgegangen. Jeder denkt, heute schneit es, der Feind wird nicht kommen.

6. Februar 1997

Die Tür des Ofens ist offen. Die Farben und unbeschreiblichen Flammen, das hellrote Licht, das zwischen der dunkelroten Glut heraus schimmert, lässt mich gefühlvoll und nachdenklich werden. Ja! Morgen werde ich erneut meine Tasche auf den Rücken nehmen und mich auf den Weg machen: Abschiede und Diskussionen. An einen neuen Ort zu gehen, ist “Ein weiterer Neubeginn meines Lebens” – werde ich sagen. Diesmal werde ich mich auf den Weg nach Ciyaye Sipi machen.