„Geh erst mal Arbeiten“ – Zur Berufsethik und dem Geist des Kapitalismus

In der Auseinandersetzung mit der Frage, wie die kapitalistische Moderne in Mitteleuropa durchgesetzt werden konnte, beschäftigte sich die Initiative „Geschichte und Widerstand“ u.a. mit der Arbeit von Max Weber zum Geist des Kapitalismus. Seine Thesen und die Diskussion, die sich anhand seiner Analyse entwickelte, sollen hier in Ansätzen geteilt werden.

 

„Geh erst mal Arbeiten“ – Zur Berufsethik und dem Geist des Kapitalismus

 

Dass der Mensch gesellschaftlich an seinem Beruf und Einkommen gemessen wird, empfinden wir als falsch, begegnet uns aber als bittere Realität. Das Selbstdisziplinieren in der Arbeit – mit ein wenig Hilfe vom Jobcenter – nehmen wir hin, als ob es eben zum Spiel dazu gehöre. Die abfälligen Bemerkungen und Demütigungen treffen uns, obwohl wir uns doch eigentlich nicht an unserer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt messen lassen wollen. Doch welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben zu diesen Vorstellungen geführt? Woher kommt dieser Berufsethos, mit ihren spezifischen Werten und Moralvorstellungen, die auch als Geist des Kapitalismus beschrieben werden können, der schon fast als naturgegeben erscheint? Viele sind dieser Frage nachgegangen und haben die gesellschaftlichen Veränderungen von Werten, Produktionsweisen und Machtstrukturen in der Gesellschaft in einen historischen Kontext eingeordnet. Max Weber war einer von ihnen. Zu einer kritischen Analyse der heutigen Mentalitäten und wie sich diese entwickelt haben, kann seine Arbeit einige Gedanken beitragen.

 

Die Entwicklung der protestantischen Ethik spielte für die Durchsetzung des Kapitalismus als Mentalität und hegemoniales System im 16. Jahrhundert in Europa eine wichtige Rolle. Sie veränderte nicht nur eine religiöse Weltanschauung hinter den Kirchentüren, sondern mischte sich ein in die gesellschaftlichen Verhältnisse und forderte die weltliche Ordnung heraus. Sie war eng verwoben mit Aufständen der Bäuer*innen gegen die feudale Unterdrückung und suchte nach neuen Erklärungen jenseits katholischer Interpretationen der Welt. Sie trug das Erbe jahrhundertelanger,  häretischer[1] und bäuerlicher Kämpfe in sich weiter fort. Doch gleichzeitig prägte sie auch die Herausbildung des bürgerlichen Subjekts und einer mit diesem zusammenhängende Ethik und Mentalität. Auf diesen Zusammenhang verweist Abdullah Öcalan in seiner Analyse der kapitalistischen Zivilisation, die nach der römisch-griechischen Phase der Zivilisation ihren nächsten Höhepunkt in den Zentren des Protestantismus, den Handelsstädten Amsterdam und London, nahm. Wie die Durchsetzung des Kapitalismus als hegemoniales System verwoben ist mit der Herausbildung einer protestantischen Ethik, analysiert Max Weber in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Öcalan stimmt Weber in seiner Analyse zu, dass der Protestantismus dem Kapitalismus den Boden bereitet habe. Ob jedoch der Protestantismus aus einer Stärke der eigenen Moral oder aus einer Schwäche der moralischen Grundsätze heraus diese Rolle spielte, wird unterschiedlich bewertet. Im Gegensatz zu Weber, sieht Öcalan den Protestantismus als eine schwache Religion, in der die Moral, im Vergleich zu anderen Konfessionen des Christentums, am schwächsten ausgeprägt sei. Diese unterschiedliche Bewertung kommt von einem unterschiedlichen Begriff der gesellschaftlichen Moral und die damit zusammenhängende Einschätzung ihrer Stärke oder Schwäche im Protestantismus.

 

Der Protestantismus führt im historischen Prozess zu zwei sich gegenseitig beeinflussenden Entwicklungen: die weitere Zerstörung der gesellschaftlichen Moral und damit die Schwächung gesellschaftlicher Kräfte bei gleichzeitiger Vertiefung und die Durchdringung des individualisierten Menschen mit der Macht.

 

 

 

Moral: Der eigentliche Zustand der Gesellschaft

 

Verstehen wir unter gesellschaftlicher Moral ein System des kollektiven Gewissens der Gesellschaft, also Werte, die die Grundlage bilden, um überhaupt von Gesellschaft sprechen zu können, wie Solidarität, gegenseitige Hilfe, Verbundenheit mit der Natur, ein gemeinschaftliches Leben, das sich selbst Bedeutung geben kann, dann sind diese in der protestantischen Ethik weit weniger ausgebildet als in anderen Konfessionen. Erst in diesem Sinne, aus dieser Perspektive, ist es verständlich, die protestantische Ethik bzw. Moral, trotz ihrer tiefen Einschreibung in das Individuum und die Durchdringung der „weltlichen“ Lebensbereiche, als schwach zu begreifen. Denn die Ethik, von der der Protestantismus spricht, die Werte, die der Protestantismus zur moralischen Tugend erhoben hat, sind das Gegenteil einer intakten Gesellschaft im beschriebenen Sinne. Sie sind es, die, so Weber und Öcalan, den Boden für die Durchsetzung des Kapitalismus zu einem hegemonialen System bereitet haben.

 

Doch können wir hier nicht vom Protestantismus an sich sprechen. Auch wenn der Lutherische Protestantismus eine entscheidende Rolle in der Neugestaltung der Kirche gespielt hat, so sind es andere protestantische Strömungen, die entschiedener zur Entfaltung des Geistes des Kapitalismus, seiner Hegemonie und zur Konstituierung des bürgerlichen Subjekts – der Mittelklasse – beigetragen haben. Gerade die in England entstehenden Konfessionen, wie der Puritanismus[2], und seine Ausbreitung in den englischen Kolonien, sowie der gerade in Mitteleuropa präsente Pietismus[3] und nicht zuletzt der Calvinismus[4], sind in diesem Zusammenhang die Träger*innen und Wegbereiter*innen gewesen.

 

Die Tugenden und Wertvorstellungen, die sich gerade im Calvinismus, Puritanismus, Pietismus und in der Täuferischen Bewegung[5] wiederfinden, sind geprägt durch das auf das „Diesseits“ bezogene Handeln des Individuums. Es sind Eigenschaften wie Fleiß, Pünktlichkeit, Bescheidenheit, Bedachtsamkeit, Nüchternheit und Rationalität zum ökonomischen Nutzen im Berufslebens… kurz, ein asketisches Leben zum Ruhm Gottes. Doch die Tugenden und auch Vorstellungen asketischen Lebens finden sich bereits in früheren Phasen gesellschaftlicher Zivilisationen wieder, sprich daran allein kann nicht der spezifische Geist des Kapitalismus festgemacht werden. Den Unterschied macht die Entwicklung zu einem System dieser ethischen Vorstellungen und einer Berufsethik, die schließlich ihren religiös-protestantischen Erklärungsrahmen und Lebensweise verlassen hat und sich zu der hegemonialen kapitalistischen Mentalität durchsetzen konnte. In dieser ist der neue Gott das Geld, dessen Erwerb zum Selbstzweck wird.

 

Die „Seligwerdung“ eines jeden Menschen in der „Berufung“

 

Eine besondere Bedeutung hat der Berufsbegriff. Das protestantische Luthertum legte für diesen den Grundstein, jedoch sind es andere Strömungen des Protestantismus, die ihn zu dem gemacht haben, wie wir ihm heute begegnen. Luther betonte den Beruf als die Pflichterfüllung auf Erden, aber zum Gefallen Gottes. Er zementierte damit die Lage der arbeitenden Massen und ließ sie ihn ihrem Stande zurück, in dem sie selig werden sollten. Damit war jedoch auch bei Luther nicht gemeint, einen Traditionalismus zu leben, in dem die Menschen nur soviel arbeiten wie sie zum Leben brauchen und nicht mehr. In dem die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, mehr reizte, als mehr zu verdienen. Mit seiner neuen Berufsethik fiel er nicht nur den aufständischen Bäuer*innen in den Rücken, die genau eine solche Arbeitsvorstellung hatten und die die Last ihrer Ausbeutung nicht ertragen wollten. Er ebnete damit nicht nur den Weg für eine neue Mittelschicht, die nach Aufstieg strebte, sondern hielt auch an der feudalen Ordnung fest, in der sich die Bäuer*innen nun noch frommer ihrem Beruf widmen sollten. Und wie das Klassenverhältnis Teil dieser durch Luther propagierten feudalen Ordnung ist, so ist es auch das Geschlechterverhältnis: Die Frau als Untertan und Besitz des Mannes. Es bleibt zu betonen, dass der Kampf gegen die Arbeitsvorstellung des Traditionalismus im genanten Sinne und die Durchsetzung der patriarchalen Ordnung kein einfacher war. Die vielen Widerstände der Bäuer*innen, Handwerker*innen und häretischer Frauenbewegungen zeugen davon. Weber betont zwar, dass sich diese neue Vorstellung gerade gegen die Lebensweise und Mentalität von Frauen nur schwer durchsetzen konnte, bleibt uns aber eine Antwort, warum und die Bedeutung dies für die Gesellschaft hatte, schuldig. Verstehen wir, dass die Frauen eine wichtige Rolle im  Gefüge der vorkapitalistischen Gesellschaften inne hatten, dann erklärt sich für uns zum einen ihr Widerstand, zum anderen die Härte der Angriffe gegen sie.

 

Viel mehr als das Luthertum haben andere protestantische Bewegungen dem “Beruf“ neues Leben eingeflößt. In der Erfüllung im Beruf und im ökonomischem Erfolg aus diesem liegt die Hoffnung von Gott erwählt zu sein für das ewige Leben. Allein die Chance auf ein gutes Geschäft oder beruflichen Aufstieg ist der Moment, in dem sich die Erwählung durch Gott ausdrücken kann. Und diese Chance nicht beim Schopf zu ergreifen, das Beste draus zu machen, ist gegen die Ethik des guten Christen. Doch all dieser ökonomische Gewinn und Reichtum ist nicht für den persönlichen Genuss bestimmt, sondern allein zum Ruhm Gottes. Aber auch am Komfort durch den ökonomischen Erfolg ist nichts Verwerfliches, solange dieser nicht zum Motiv des Handelns wird. Dieser Genuss darf nicht zur Faulheit führen oder dazu, sich auf dem Reichtum auszuruhen und sich gehen zu lassen. Doch die darin steckende Versuchung, sich dem weltlichen Genüssen, Luxus und Reichtum hinzugeben, ist groß. Sie sind der Ausdruck des „Naturzustands“ des Menschen mit all seinen Trieben, Lüsten und emotionalen Gefühlen und Wünschen, aus dem sich der Mensch herausheben muss. Auch die Sexualität soll, laut den Puritanern, allein zum Ruhm Gottes, zur Vermehrung der gläubiger Menschen, praktiziert werden. Aber es gibt Abhilfe für all die Versuchungen: Diät, kalte Bäder und besonders harte Arbeit im Beruf, sind die Medizin der Puritaner gegen religiöse Zweifel. Es braucht eine asketische Selbstdisziplinierung des bürgerlichen Selbst für den eigenen Vorteil. Dass Ideen der christlichen Nächstenliebe darin nur wenig oder in verzehrter Form einen Platz finden, scheint verständlich. Die katholische Mönchskluft wurde als egoistischer Ausdruck der Lieblosigkeit und Flucht vor den weltlichen Pflichten verstanden. Allein in der weltlichen Berufsarbeit drücke sich die Nächstenliebe aus, denn – nach dem neuen ökonomischen Paradigma – „wenn alle an sich denken, sei an alle gedacht“.

 

Eine bedeutende Frage für das religiöse Leben der Menschen war, ob sie von Gott auserwählt sind oder nicht. Das ist die Frage der „Heilslehre“, nach der Bestimmung zum ewigem Leben – für andere zum ewigen Tod. Im Gegensatz zum Katholizismus gibt es im Calvinismus, bei den Puritanern und Pietisten, wie auch in der religiösen Praxis der Täufer, keine Beichte mehr, keine Vergebung, keine Kirche, die freisprechen kann von allen Sünden und einen Platz im Paradies sichert. Gott wird nicht mehr vermittelt durch die Kirche und ihre Sakramente, Lehren, Dogmen und Erlösungen. Es ist die schlichte Entzauberung der Religion. Das einzige was bleibt, ist das asketische Leben zum Ruhm Gottes und die Hinweise, Auserwählte Gottes zu sein, die jedoch keine Garantie ist, auf der der Mensch sich ausruhen kann.

 

Doch wohin mit den vielen Zweifeln über einen Selbst, die im Inneren bestehen? Selbst sie dürfen nicht gedacht, geschweige denn formuliert werden, denn es ist der Zweifel an Gott, der durch sie spricht. Und ein wahrer Christ zweifelt nicht an Gott. Doch damit findet sich der Mensch in einer tiefen Isolation, allein mit sich im Zwiespalt. Es gibt kein Ort, an dem er sich abreagieren, seine Zweifel formulieren kann und dann Erlösung findet. Hieraus entstehen die Persönlichkeiten der bürgerlichen Klasse am Anfang des Kapitalismus als hegemoniales System. Es sind die nach außen hin selbstgewissen Heiligen, die rationalen puritanischen Kaufleuten, die in ihrer rastlosen Berufsarbeit Gewissheit ihres Gnadenstandes erlangen und alle Zweifel ausräumen – Die Selbstbewussten in ihrer Untertänigkeit.

 

Der Protestantismus, insbesondere die Strömungen des Calvinismus, Pietismus und Puritanismus, rissen das asketische Leben aus dem einengenden katholischen Lebensweg der Nonne oder des Mönchs und schmissen es ins innerweltliche, sittliche Berufsleben. Doch diese Askese bestimmte nicht nur das Berufsleben, sondern, das ist entscheidend, prägte den gesamten Lebensstil einer neuen Klasse und mit diesem eine moderne Ordnung, basierend auf der in dieser Zeit entstehenden und stark anwachsenden industriellen Produktion. Einmal zur Ordnung geworden, wurden alle – die einen mehr, die anderen weniger – in diese hineingeboren.

 

Ein neuer Geist in Handel, Staat und Wissenschaft

 

Es ist kein Zufall, dass wir gerade in den neuen Zentren der Macht des 16. und 17. Jahrhunderts das Zusammentreffen eines neuen Geistes des Kapitalismus, der Wissenschaft und des Staates finden. Diese Zentren waren die Handelsstädte wie Amsterdam und London, in denen sich die Zivilisation hin zur kapitalistischen Moderne den Weg bahnte. Und das in einem Moment, in dem die Religiosität der katholischen Kirche an Legitimation verlor und die freien Städte unter dem Druck von Königreichen und Fürstentümern standen.

 

Eine neue Form der militärischen und bürokratischen Organisierung zu einem Nationalstaat sicherte die Interessen dieser sich herausbildenden bürgerlichen Klasse in Amsterdam. Der niederländische Nationalstaat setzt sich dadurch langfristig gegen das Spanische Reich bzw. Habsburger Reich und das französische Königtum durch. Es wurde das Fundament für eine neue Form des Krieges und des Militärs gelegt, dies bürokratischer, disziplinierter und technologischer aufgebaut war, als alle vorherigen Armeen. Diese neuen Methoden sicherten nicht nur die Verteidigung der Niederlande gegen die umliegenden Reiche, sondern fanden auch breiten Einsatz in den europäischen Kolonien und der Niederschlagung dortiger Aufstände. Auch in der Wissenschaft und Kunst fand dieser neue Geist seinen Ausdruck. Rembrandts Bilder sprechen davon – zeigen die selbstbewussten Gesichter der Kaufleute Amsterdams, nicht in Prunk, sondern in Bescheidenheit, nicht in übertriebener und idealisierte Schönheit, sondern in ihrer Authentizität.

 

Im Nationalstaat spiegelt sich die sich verändernde Form der Macht, wie wir sie auch im Unterschied zum Katholizismus in den protestantischen Bewegungen finden. Die Macht als äußere Kraft, über Allem stehend, Zwang ausübend und Gehorsam einfordernd wird im Protestantismus zur durchdringenden Kraft, die aus dem Inneren des Individuums immer wieder nach dessen  Disziplinierung ruft. Eben das können wir auch im Nationalstaat erkennen, der die Macht gesellschaftlich vertieft und gleichzeitig verbreitert, der die wirtschaftliche und militärische Ausbeutung zusammenführt mit der ideologischen Hegemonie der neuen positivistischen Wissenschaften.

 

Das bürgerliche Subjekt in uns

 

Um zu verdeutlichen, wie sich der Geist des Kapitalismus, ausgehend, aber losgelöst vom Protestantismus, ausdrückte, führt Max Weber einige Gedanken von Benjamin Franklin an. Dieser selbst war noch durch den Puritanismus im Elternhaus geprägt, doch formulierte er eine bürgerliche Berufsethik, ohne den Bezug zu religiösen Wertevorstellungen weiterzuführen. Bei ihm war der Gott bereits in Form des Geldes auf die Erde gekommen.

 

Viele haben heute oftmals keinen direkten Bezug mehr zu Protestantismus oder Katholizismus. Sind in Familien aufgewachsen, in denen vielleicht zu Weihnachten in die Kirche gegangen wurde. Nicht gläubig zu sein führt zum Irrglaube, dass die Kirche keinen Einfluss mehr auf die  Persönlichkeiten hätte. Folgen wir den Gedanken Webers, so hat sich die religiös bestimmte Berufsethik über die Zeit hin gesellschaftlich verallgemeinert, über Generationen, Klassen und Regionen hinweg. Es ist die Sozialisation, über die sich diese Ethik in all unsere Persönlichkeiten und Mentalitäten einschreibt und tagtäglich gesellschaftlich reproduziert wird, auch durch und in uns selbst.

 

Gerade in der Mittelklasse kennen wir das Argument „geh erst mal arbeiten“ nur zu gut. In ihm drückt sich das aus, was der Protestantismus über seine verschiedenen Strömungen in unsere Vorstellungen hineingetragen hat. Das Arbeiten und der Verdienst ist das Entscheidende, nicht inwiefern eine Person zu einem gesunden, erfüllten, freien und glücklichen gesellschaftlichen Leben beiträgt oder eben nicht. Die Arbeit ist den moralischen Werten entwachsen, sie ist allein zum Wert geworden. Sie wird zum Selbstzweck, zum Zentrum des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Gerade in Zeiten des Neoliberalismus wurden diese Merkmale auf die Spitze getrieben. Selbstdisziplin, Optimierung, der göttliche Charakter des Geldes… Doch es ist keine Erwartung, die uns nur von Außen aufgedrückt wird, sondern auch ein Selbstbild, das erfüllt werden will. Wird ihm nicht entsprochen ist es die Scham, die sich auch im Individuum selbst breit macht. Steht man selbst ohne seiner vermeidlichen gesellschaftlichen Aufgabe, seinem Beruf, vielmehr seiner Berufung, da, dann gerät auch der Platz und die eigene Rolle in der Gesellschaft ins Wanken. Aus dieser Verunsicherung entsteht das Selbstbild der eigenen Nutz- und Wertlosigkeit in und für die Gesellschaft.

 

Oft sehen wir erst im Kontrast zu Gesellschaften, in dem sich diese Form des kapitalistischen Geistes nicht in seiner vollen Stärke durchsetzen konnte, wie tief sich diese Vorstellungen in unsere Persönlichkeiten eingeschrieben haben. Die kapitalistische Form der Ausbeutung und Macht, ist in alle Poren der Gesellschaft und ihre Lebensweisen vorgedrungen. Und sie machen keinen Halt vor unseren Persönlichkeiten. Sie spiegelt sich in den Annäherungen an die politische Arbeit, auch wenn diese nicht einen guten Lohn oder ökonomischen Vorteil, sondern gesellschaftliche Befreiung zum Ziel hat. Auch wir reproduzieren die Vorstellungen und Verhaltensweisen eines fleißigen, pünktlichen, bescheidenen, nüchternem und rationalen Charakters, der sich mit dem Gefühl des nicht „genug“ Tuns, angesichts der katastrophalen Realität dieser Welt verbindet. Nicht selten wird aus einer selbstkritischen Haltung heraus, die kapitalistische Mentalität Überwinden zu wollen, die Aufhebung dieser Ethik in ihrem Gegenteil gesucht: Hedonismus und Unverbindlichkeit. Weder in der Reproduktion, noch im Gegenteil werden wir einen emanzipatorischen Weg finden. Unser Weg ist ein dritter Weg: Verlässlichkeit, Bescheidenheit, Selbstdisziplin und Bedachtsamkeit, verbunden mit einer tiefen Liebe zum Menschen und sich selbst, mit Empathie und emotionaler Verbundenheit und mit Freude an dem, was wir tun. Eine Persönlichkeit, die mit Mühe, Hingabe und innerem Kampf, immer auf der Suche nach der Lösung gesellschaftlicher Probleme bleibt – und damit auf der Suche nach Freiheit und gesellschaftlicher Wahrheit.

 

Doch auch wenn sich mittlerweile der Geist des Kapitalismus losgelöst vom Protestantismus ausdrückte, so ist dennoch vieles offen, wollen wir die Frage beantworten, die Bedeutung Religion im allgemeinen, die protestantischen Strömungen in Abgrenzung zum Katholizismus im Besonderen, auf die Gesellschaft Deutschlands hatte und immer noch hat. Gerade die Betrachtung, wie sich die gesellschaftliche Rolle und Bedeutung der Frau in den unterschiedlichen religiösen Bewegungen ausprägte und immer noch ausprägt, ist unerlässlich. Und finden wir geschichtlich und heute noch einen regionalen Unterschied in der Einstellung zum Leben, im kapitalistischen Geist, dier sich aus der regional unterschiedlichen Durchsetzung des Protestantismus und seinen Strömungen ableiten lässt?

 

Protestantismus im Fluss der demokratischen Zivilisation

 

Die Reformation ist eine der Wellen des Flusses der demokratischen Zivilisationen, dier sich unaufhörlich seinen Weg durch die Geschichte bahnt und niemals ganz von der Macht und Herrschaft aufgehalten werden konnte und kann. Teil der demokratischen Zivilisation zu sein bedeutet nicht, widerspruchsfrei zu sein. Es bedeutet auf das Menschsein zu bestehen, die grundlegenden Werte der Gesellschaften zu verteidigen und somit das Erbe der um Freiheit Kämpfenden weiterzuführen.

 

Die Reformation, ausgelöst durch die jahrhundertelangen Kämpfe der häretischen Bewegungen, stellt einen Moment der langen Geschichte der demokratischen Kräfte im Fluss der demokratischen Zivilisation da. Die häretischen Bewegungen besannen sich auf das Christentum der Armen als Basis für einen revolutionären Aufbruch in Verbindung mit den Kämpfen der bäuerlichen Bevölkerung.

 

Doch weite Teil der protestantischen Bewegungen, allen voran die politische Linie um Luther, errichteten lediglich neue Zentren der Macht gegen den katholischen Kaiser und Papst. Es waren die Fürsten, die sich aus eigenem Machtinteresse auf die Seite Luthers stellten und zu den schärfsten Gegner derjenigen protestantischen Bewegungen wurden, die die weltliche Ordnung von Herrschaft und Unterdrückung nicht mehr akzeptierten. Und wie so oft in der Geschichte verbünden sich unterschiedliche, zum Teil konkurrierende Machtzentren angesichts der sozialen Revolution von unten. Und so überrascht es nicht, dass sich die Allianz gegen die Bäuer*innenaufstände und gegen die gesellschaftliche Rolle der Frau über alle Widersprüche zwischen Protestantismus und Katholizismus hinweg erstreckte.

 

Auch wenn, und das ist kein Zufall, fast keine Frauen im Protestantismus führende Rollen inne hatten, so spielten sie bei der Suche nach einem freien Christentum auf der Grundlage gesellschaftlicher Werte  innerhalb der häretischen Bewegungen eine zentrale Rolle. Konvente der Beginen, die sich über viele Länder Europas ausgedehnt hatten, zeugen von diesem Einfluss und der Stärke ihrer Werte und Lebensweisen und bereiteten erst den Boden für das, was wir heute die Reformation nennen. Doch sie schafften es nicht, ihre Werte und ökonomische Struktur gegen die Angriffe der herrschenden patriarchalen Ordnung zu verteidigen. Davon, mit welcher Brutalität diese Angriffe von statten gingen, zeugen die Hexenverfolgungen. Mit diesen Frauen, die als Hexen verfolgt und vernichtet wurden, wurde versucht, eine gesellschaftliche Kultur und ihre Werte zu vernichten. Diese Kultur lebte von einem ökonomischen Traditionalismus, einer Verbundenheit zur Natur und Gesellschaft, in einem Glauben an die Heiligkeit und Lebendigkeit der Natur. Die ganzheitliche Beziehungen zur Welt stand damit im Widerspruch zur einer sich neu durchsetzenden  patriarchalen und kapitalistischen Ordnung der Macht.

 

Es ist nicht die Diskussion über die Frage der Existenz Gottes, nach der revolutionäre Bewegungen ihr Verhältnis zur Religion und religiösen Bewegungen definieren sollten. Religion ist als gesellschaftliche Realität, als Struktur des Denkens zur Erklärung der Welt zu verstehen. Diese Bedeutung von Religion macht sie notwendigerweise zum Gegenstand einer revolutionären gesellschaftsverändernder Theorie und Praxis. Und so wie religiöse Erklärungen den Boden des kapitalistischen Geistes bereiteten, haben diese aber auch revolutionäre Bewegungen wie das frühe Christentum, Beginen-Konvente und befreiungstheologische Strömungen auf der Seite antikolonialer Kämpfe hervorgebracht. Daher ist nicht die Frage ob, sondern wie religiöse Strömungen, die sich selbst von Macht und Herrschaft befreien wollen, Teil des Aufbruchs in die demokratische Moderne sind oder sein werden.

 

Der Aufbruch in die demokratische Moderne kann nur auf einer starken Moral basieren, die die Gesellschaft und nicht Macht und Profit in den Mittelpunkt stellt. Eine starke Moral, die die gesellschaftlichen Kräfte davor schützt, Teil der Macht zu werden. Eine Moral, die daran anknüpft, was Gesellschaft ausmacht: Gegenseitige Hilfe, Solidarität, Freiheit, Gleichheit und Demokratie.

 

Autor*innenkollektiv Geschichte&Widerstand

werkstatt-geschichte@riseup.net

[1]      Häresie („Anschauung“, „Schule“) ist eine Aussage oder Lehre, die im Widerspruch zu kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen steht. Ein*e Häretiker*in ist ein*e Vertreter*in einer Häresie.

 

[2]      Der Puritanismus war besonders ab dem 16. bis zum 17. Jahrhundert eine wirksame Bewegung der Reformation. Gerade in England, Schottland und ab 1629 in „Neuengland“ hatte sie eine große Anhängerschaft. Die Bezeichnung „Puritaner“ kommt aus englischen von „Reinigung“ (purification). Besonders charakteristisch ist für den Puritanismus die totale Ablehnung jeglicher religiöser Zeremonien und kirchlicher Hierarchie, die zwischen der Gemeinde und Gott stand. Für ihren Charakter prägend ist ein pessimistischer und illusionsloser Individualismus, der keinen anderen Menschen, sondern nur Gott vertraut. Gleichzeitig haben die Puritaner, folgen wir  Janet Biehls Ausführungen über die Bürger*innversammlungen von Neuengland, ihre „religiöse Autonomie in die bürgerliche Welt in der Form politischer Autonomie ausgedehnt“ und legten so den Grundstein für eine wichtige Form gesellschaftlicher Selbstverwaltung. (Janet Biehl: „Bürgerversammlungen, von Neuengland bis Rojava“, in Die kapitalistische Moderne herausfordern II. Kapitalistische Moderne sezieren – Demokratischen Konföderalismus aufbauen)

[3]      In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich aus der Reformation heraus die pietistische Bewegung in Deutschland. Charakteristisch für den Pietismus ist sein innerer Kampf zwischen der Gefühlsseite des religiösen Lebens und einer rationalen Askese. Verbunden mit dieser Gefühlsseite war der Wunsch, die „Gemeinschaft mit Gott in ihrer Seligkeit“ schon im Diesseits kosten zu wollen und nicht auf ein unbestimmtes Jenseits zu warten. Doch behielt die rationale Seite im Grund die Überhand, auch wenn diese schwächer ausgeprägt war, also z.B. im Calvinismus. Und so blieb auch die Berufsarbeit als das entscheidende asketische Mittel zur Gnade Gottes, das die Seinen durch Erfolg im Berufsleben segnet.

[4]      Der „Calvinismus“ bezieht sich auf die theologischen Lehren von Johannes Calvin, der zu Anfang des 16. Jahrhunderts lebte. Im Unterschied zum Protestantismus des Luthertums wirkte der Calvinismus besonders außerhalb des heutigen geographischen Raums Deutschlands. Im Unterschied zum Luthertum ersetzte der Calvinismus die gefühlsmäßige Annäherung an die Religion durch eine strenge Selbstkontrolle und Reglementierung des religiösen Lebens.

[5]      Die Täuferische Bewegung entwickelte sich Anfang des 16. Jahrhunderts. Als ihren Höhepunkt kann die Kontrolle über die Stadt Münster in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts gesehen werden. Im Unterschied zu anderen protestantischen Strömungen zeichnet sich sein Bezug auf das Urchristentum mit dem konkreten Verweis auf das Leben von Christus und den Jüngern aus. Diese Jünger dienen als Vorbild der Lebensführung. Alles Weltliche wird gemieden und alle Ehrfurcht soll allein Gott dienen. Dabei kann jeder einzelne gläubige Mensch eine Verbindung zum Heiligen Geist herstellen, womit eine radikale Ablehnung aller Kirchleichenlehren verbunden ist. Und mit dieser Ablehnung setzt die Täuferische Bewegung vollständig auf eine innere Kontrolle des Menschen.